Südafrika: Dunkle Schatten auf Mandelas Vision von Einheit
Nelson Mandelas Erbe eines freien Südafrika hatte einen hohen Preis: die mangelnde Umverteilung von Reichtum. Der Frust der Bevölkerung entlädt sich in fremdenfeindlichen Übergriffen - der Kampf gegen Afrophobie bleibt.
- 5 min read
In Südafrika wird Nelson Mandela am 18. Juli, dem Geburtstag des ehemaligen Präsidenten und Friedensnobelpreisträgers, jedes Jahr aufs Neue geehrt: Am internationalen "Mandela Day" sind Menschen weltweit aufgerufen, sich für eine gerechtere Gesellschaft einzusetzen.
Der einstige Befreiungsheld Südafrikas kämpfte gegen Ausgrenzung aufgrund von Hautfarbe und Herkunft. Drei Jahrzehnte nach dem Ende der Apartheid erleben viele Afrikaner in Südafrika jedoch Ablehnung und Gewalt durch ihre Nachbarn.
Konkurrenz um Arbeitsplätze
"Wir leben in einer Welt, in der viele junge Menschen hoffnungslos sind, weil die Möglichkeiten begrenzt sind und Frustrationen leicht gegen Ausländer gerichtet werden, die oft als Konkurrenten um Arbeitsplätze angesehen werden", sagt Mpho Mofokeng gegenüber der DW. Die 32-jährige Südafrikanerin ist Sozialarbeiterin und lebt in einem Township nahe Johannesburg.
Mandelas Traum sieht sie zwar nicht für immer zerbrochen - aber auf die Probe gestellt. "Mandela glaubte an ein Südafrika, das auf Versöhnung, Achtung der Menschenwürde und afrikanischer Solidarität aufgebaut ist", so Mofokeng . Ihm sei bewusst gewesen, dass viele afrikanische Länder Südafrika im Kampf gegen die Apartheid zur Seite standen. "Er war überzeugt, dass Afrikas Zukunft von Einheit und nicht von Spaltung abhängt."

Aber die Eskalation des Ausländerhasses, Plünderungen und Gewalt gegen Migranten aus genau diesen Nachbarländern zeigen eine andere Realität. Viele Migranten haben in den vergangenen Wochen Südafrika aus Angst den Rücken gekehrt - rechtsradikale Bürgerwehren wie "March and March" und "Operation Dudula" haben mit weiterer Gewalt gedroht und Menschen eingeschüchtert.
Der jüngste "Mabahambe"-Marsch ("Sie müssen gehen!"), die fremdenfeindlichen Übergriffe und die Spannungen rund um das Thema Migration spiegeln laut Mofokeng die echte Frustration vieler Südafrikaner wider. Sie hätten das Gefühl, die Regierung habe Arbeitslosigkeit, Kriminalität und irreguläre Migration nicht angemessen bekämpft. Auch die mangelhaften öffentlichen Dienstleistungen würden kritisiert.
Mandelas Vermächtnis "keine statische Größe"
Die Frustration der Bevölkerung ist laut Verne Harris, Mitarbeiter und ehemaliger Archivar Mandelas in der gleichnamigen Stiftung, legitim. Die Menschen würden ungeduldig, gleichzeitig seien die Demonstrationen politisch motiviert: Im November stehen Kommunalwahlen an, da sei es für Oppositionsparteien von Vorteil, die Stimmung gegen die Regierung anzuheizen.
Er betont: "Das Vermächtnis von Nelson Mandela ist keine statische Größe, sondern eine dynamische öffentliche Ressource, die für Neuinterpretationen offen ist. Es wurde im Laufe der Zeit immer wieder neugestaltet und umgestaltet, es ist etwas Lebendiges. Es kann zum Guten, aber auch zum Bösen genutzt werden", so Harris gegenüber der DW.
Madiba, wie Mandela im Volksmund genannt wurde, sprach laut Harris erstmals kurz nach seinem Amtsantritt als Präsident Südafrikas 1994 öffentlich über Afrophobie und Fremdenfeindlichkeit. "1995 machte er seine Ansichten sehr deutlich: Diese Formen des Hasses sind in einer Demokratie inakzeptabel. Und genau diesen Aufruf, den er schon früh in unserer Demokratie aussprach, vertritt die Nelson Mandela Stiftung bis heute."

Man könne die Afrophobie in Südafrika im Jahr 2026 nicht verstehen, wenn man kein Gespür für die strukturellen Realitäten des südafrikanischen Kapitals habe, erklärt Verne Harris. Dieses Kapital stehe in einer zutiefst ausbeuterischen Weise mit dem Rest des Kontinents in Beziehung.
"Das erinnert an koloniale Formen der Ausbeutung und erklärt – genauso wie man sieht, wie europäische und nordamerikanische Länder an ihren Grenzen patrouillieren, um Menschen aus Afrika fernzuhalten – warum Südafrika nun dasselbe tut."
Parteiführung der Eliten
Die wirtschaftlichen Kompromisse der Regierung Mandelas bei seinem Amtsantritt sind laut Mametlwe Seipei übereinstimmend mit den Ideen des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) von Kapitalismus: "Eine Wirtschaft, die von ausländischen Mineralienmonopolen und billigen Arbeitskräften aus dem Ausland geprägt ist – das hat uns dahingebracht, wo wir jetzt stehen", sagt er der DW. Seipei arbeitet bei Kopanang Africa Against Xenophobia, einer Koalition von zivilen Organisationen, Arbeitnehmern und Migrationsgruppen.
Der ANC habe im Befreiungskampf gegen die weiße Herrschaft zwar die Hoffnung der Massen auf ein besseres Leben vereint - aber die Führung der Partei habe der politischen Elite gehört. Das Aufkommen des schwarzen Kapitalismus unter der Beibehaltung der wirtschaftlichen Architektur des ehemaligen Apartheidstaates habe die Gesellschaft nicht vorangebracht, kritisiert Seipei.

Tessa Dooms, Soziologin und Gründerin der Nichtregierungsorganisation Rivonia Circle, sieht die aktuelle Lage in Südafrika so: "Eine besondere Form der Apartheid besteht nach wie vor, als hätte sich seit 1994 nichts geändert. Die Menschen leben weiterhin als Reiche und Arme, als Schwarze und Weiße - das ist Teil des Problems", sagt sie der DW.
"Der eigentliche Grund, warum es diesem Land nicht gelungen ist, die Spaltungen zu überwinden, ist, dass wir die Ungleichheit nicht beseitigt haben", so Dooms. "Wir haben zugelassen, dass sich Reichtum ansammelt. Der einzige Unterschied besteht heute darin, dass sich dieser Reichtum nun in den Händen einer politischen und wirtschaftlichen Elite konzentriert." Sie ignoriere die Mehrheit der Armen - die zufällig auch schwarz seien, fügt sie an.
Mandelas Idee einer Regenbogennation hatte das Land versöhnt, betont die Aktivistin: "Es war keine fehlgeleitete Idee, sondern eine, die immer unter einem Mangel leiden wird, wenn ihr kein echtes Engagement folgt, die Apartheid strukturell rückgängig zu machen." Mandelas Traum erfordere einen systemischen Ansatz zur Neugestaltung von Regierung und Wirtschaft.
Umverteilung von Reichtum gescheitert
Laut Obakeng Arie, einem jungen Buchhalter, steht die Fremdenfeindlichkeit zwar in starkem Kontrast zu Mandelas Vision - doch sein Vermächtnis bleibe immerhin insofern sichtbar, dass Südafrika nach wie vor an der Demokratie festhält: "Wir haben die Möglichkeit, eine Regierung unserer Wahl zu wählen, verfügen über einen starken Schutz der Menschenrechte und sind als Bürger und zivilgesellschaftliche Organisationen gut aufgestellt", sagt er gegenüber der DW.
"Das Ziel besteht nach wie vor - es wird jedoch nicht erreicht", findet Buchhalter Arie. "Es sind nun schon 30 Jahre vergangen, doch wir sind ein Schwellenland, das langsamer wächst als die Inflation und das in dieser Hinsicht noch sehr unterentwickelt ist." Die Vision Mandelas werde nach wie vor an den Realitäten der Post-Apartheid-Ära gemessen - und die "March"-Bewegung verdeutliche genau das.
Sozialarbeiterin Mpho Mofokeng ist überzeugt: "Mandelas Traum ist nicht tot - es liegt nun in der Verantwortung meiner Generation, ob wir zulassen, dass Angst und Spaltung Südafrika prägen, oder ob wir uns für Mitgefühl, Gerechtigkeit und Verantwortlichkeit entscheiden. Davon hängt ab, ob seine Vision Wirklichkeit wird."
