Warum Radstars an der Tour de France mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen werden

Manche Dopingsubstanzen sind nur wenige Stunden nachweisbar – das macht nächtliche Kontrollen laut Experten unverzichtbar. Remco Evenepoel nennt das Vorgehen trotzdem «unmenschlich».

  • 4 min read
Warum Radstars an der Tour de France mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen werden

Publiziert23. Juli 2026, 13:00

Dopingkontrollen«Unmenschlich»: Darum reisst man Radstars nachts aus dem Schlaf

Nächtliche Dopingkontrollen sorgen an der Tour de France für Kritik. Die UCI verweist auf den Kampf gegen Doping. Die Kontrollen könnten helfen, Substanzen aufzuspüren, die nur wenige Stunden nachweisbar sind.

Nils Hänggi

Deutsche Presse-Agentur

Hier ist der Sturz von Jonas Vingegaard im Video zu sehen.SRF

Darum gehts

  • Der Radsport-Weltverband UCI verteidigt die nächtlichen Dopingkontrollen bei der Tour de France.
  • Tadej Pogacar wurde um 5 Uhr, Jonas Vingegaard um 2 Uhr morgens kontrolliert – Vingegaard stürzte danach und musste die Tour aufgeben.
  • Doppel-Olympiasieger Remco Evenepoel bezeichnete das Vorgehen als «unmenschlich», die Radprofis-Vereinigung CPA fordert eine Reform.
  • Die nächtlichen Kontrollen werden wohl durchgeführt, weil einige Substanzen nur wenige Stunden feststellbar sind.

Der Radsport-Weltverband UCI hat das Vorgehen bei den nächtlichen Dopingkontrollen von Rennfahrern bei der Tour de France verteidigt. «Obwohl sich die UCI der Belastung für die Fahrer bewusst ist, unterstreicht sie dennoch, dass diese Kontrollen einem übergeordneten Interesse dienen: dem Kampf gegen Doping», teilte die Organisation mit. Der Kampf gegen Doping habe absolute Priorität.

Die UCI räumte ein, «dass nächtliche Dopingkontrollen die Erholung der Fahrer beeinträchtigen können». Weiter hiess es, dass solche Kontrollen ausserhalb der regulären Trainingszeiten eine Ausnahme darstellen und nur in «begrenzten und gerechtfertigten Fällen» angewendet werden. Die UCI unterstütze die International Testing Agency (ITA) «uneingeschränkt bei der Nutzung aller ihr zur Verfügung stehenden Mittel zur bestmöglichen Erfüllung ihrer Aufgabe».

Vingegaard musste nach seinem Unfall die diesjährige Tour de France aufgeben. Nun gibt es Diskussionen um nächtliche Dopingkontrollen. Fehlte ausgerechnet Vingegaard deswegen die nötige Konzentration?

Vingegaard musste nach seinem Unfall die diesjährige Tour de France aufgeben. Nun gibt es Diskussionen um nächtliche Dopingkontrollen. Fehlte ausgerechnet Vingegaard deswegen die nötige Konzentration?Screenshot ARD

Vorgehen stösst auf Kritik

Die nächtlichen Kontrollen wurden von der ITA durchgeführt. Und sie wurden durch ein Gericht in Paris genehmigt, wie die französische Sportzeitung «L’Equipe» berichtete. Es sei die erste Anwendung der 2015 ins französische Recht eingeführten Bestimmungen.

Immer wieder wurden die Radstars während dieser Tour mitten in der Nacht kontrolliert.

Immer wieder wurden die Radstars während dieser Tour mitten in der Nacht kontrolliert.AFP

Die nächtlichen Dopingkontrollen sorgten bei der Tour de France für grossen Wirbel. Tadej Pogacar war vor der anstrengenden 15. Etappe am Sonntag um 5 Uhr morgens kontrolliert worden. Auch Jonas Vingegaard hatte zuvor um 2 Uhr morgens Besuch bekommen, auf der folgenden Etappe stürzte er und musste die Tour verletzt aufgeben.

Daher stiess das Vorgehen auf Kritik. Doppel-Olympiasieger Remco Evenepoel bezeichnete es als «unmenschlich» und als «Schande». Die internationale Vereinigung der Radprofis (CPA) forderte eine Reform der Testpraxis.

Der frühere Dopingsünder und heutige Manager des Teams EF Education-EasyPost, Jonathan Vaughters, hält derweil nächtliche Kontrollen für absolut sinnvoll. «2-Uhr-nachts-Tests sind eine der effektivsten Methoden, um das Mikrodosieren von Peptiden (Epo, hGH) und Testosteron zu verhindern», schrieb der Ex-Teamkollege von Lance Armstrong auf X. «Hätte die UCI uns 2001 um 2 Uhr nachts getestet? Wir wären alle suspendiert worden und hätten dem Sport 25 Jahre Drama erspart.»

Manche Substanzen sind nur wenige Stunden nachweisbar

Doch warum überhaupt sind die nächtlichen Dopingkontrollen so wichtig? Oliver Naesen lieferte nun eine mögliche Erklärung. Der Belgier, der nicht an der Tour de France teilnimmt, sagte im Podcast der Zeitung «Het Laatste Nieuws», die Fahnder könnten gezielt nach Substanzen suchen, die im Körper nur während eines sehr kurzen Zeitfensters nachweisbar seien.

Was hältst du von nächtlichen Dopingkontrollen im Leistungssport?

Sie sind absolut notwendig, um fairen Sport zu garantieren.

Ich finde sie problematisch, da sie die Athleten zu stark belasten.

Sie sind wichtig, aber die Umsetzung muss überdacht werden.

Ich verstehe die Notwendigkeit, aber die Uhrzeit ist unangebracht.

Das Thema interessiert mich nicht besonders.

Konkret gehe es möglicherweise um Wachstumshormone. «Ich habe gehört, dass danach gesucht wird. Dass Wachstumshormone derart gezielt ins Visier genommen werden, ist für mich neu», erklärte Naesen.

Sollten gewisse Mittel tatsächlich bereits nach rund drei Stunden nicht mehr im Blut nachweisbar sein, entstehe für Betrüger ein gefährlicher Anreiz. Umso wichtiger seien unangekündigte Tests zu ungewöhnlichen Zeiten, so Naesen. Gleichzeitig betonte er, keine konkreten Hinweise auf Doping im aktuellen Peloton zu haben.

Nils Hänggi

Nils Hänggi (nih) ist seit 2019 bei 20 Minuten. Er ist Sportredakteur und Teil des Social Responsibility Boards. Er schreibt oft übers Thema Fussball.

Deutsche Presse-Agentur

Deine Meinung zählt