Einbruchserie erschüttert Schweizer Waffenhändler
Darum gehtsKI-generiert, redaktionell geprüft22 Einbrüche auf Waffengeschäfte bis Juni 2026, Täter oft französische BandenKriminelle agieren zunehmend gewaltbereiter, risikofreudiger und professionellerFedpol: ...
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Darum gehts
KI-generiert, redaktionell geprüft
- 22 Einbrüche auf Waffengeschäfte bis Juni 2026, Täter oft französische Banden
- Kriminelle agieren zunehmend gewaltbereiter, risikofreudiger und professioneller
- Fedpol: Allein 2026 sind 300 bis 350 Straftaten einem neuen Phänomen zuzuordnen
Robin BäniRedaktor
Es ist dunkel, kurz vor fünf. Drei Männer in Schwarz erscheinen. Auf dem Kopf tragen sie Schirmmützen, über dem Gesicht Sturmmasken. Sie nähern sich einem Geschäft, der Schild Waffen AG im Kanton Aargau. Überwachungskameras zeichnen an diesem Freitag Ende Juni jede Bewegung auf.
Eine vermummte Gestalt schiebt einen Abfallcontainer aus Stahl vor sich her. Sie stellt ihn vor die Tür des Waffenladens. Dann schnappen sich die Einbrecher einen weiteren Container aus der Nachbarschaft. Seelenruhig platzieren sie ihn ebenfalls vor dem Eingang. Die Männer wirken unaufgeregt. Noch hat die Alarmanlage nicht losgeheult.
Sie tragen weisse Taschen. Vermutlich, um das Deliktsgut einzusacken. Meist haben es die Täter auf Pistolen und Revolver abgesehen. Sie lassen sich schnell und unkompliziert einpacken – und das in grossen Mengen. Einmal entwendet, tauchen sie im Bandenkrieg der französischen Banlieues wieder auf. Rivalisierende Gangmitglieder erschiessen sich mit Schweizer Waffen. Das belegen Ermittlungen des Bundesamts für Polizei (Fedpol).
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Einbrüche in Waffengeschäfte:«Das Vorgehen der Minderjährigen ist sehr dilettantisch»
Der Wagen schiesst los
Ein vierter Mann sitzt in einem Renault Clio. Das Auto ist kompakt, stabil gebaut und hat viel Power. Das perfekte Fahrzeug für einen Rammbock-Angriff. Er drückt das Gaspedal durch, der Wagen schiesst rückwärts los, kracht gegen die Container und schleudert sie durch die Tür.
Sofort greift einer zu, will die Container wegziehen. Die Tür ist aus dem Rahmen gerissen. Doch aus dem Inneren quillt dichter Rauch. Er raubt den Einbrechern die Sicht. Überrumpelt springen sie ins Auto und rasen davon. Wenig später werden drei Personen von der Polizei geschnappt. Einbruch missglückt.
Der Inhaber des Waffengeschäfts sieht dennoch keinen Anlass zur Freude. Jean-Paul Schild sagt: «Das war jetzt ein Auto. Beim nächsten Mal kommen sie vielleicht mit einem Bagger. Was mache ich dann?» Schild hat keine Antwort. Er sorgt sich um seine Mitarbeiter. Die französischen Banden haben an Schlagkraft gewonnen. Sie agieren laut dem Fedpol «gewaltbereiter, risikofreudiger und professioneller». Und sie haben die Schweiz für sich entdeckt.
Schutzwesten zu Hause
Landesweit kommt es zu Einbrüchen. In Sitten VS sprengten Täter jüngst die Tür eines Waffengeschäfts weg. In Solothurn versuchten sie mitten in der Altstadt in ein Geschäft einzudringen. Als ein Polizist ausser Dienst die Einbrecher erwischte, machten sie sich davon. Er schoss mit seiner Dienstwaffe hinterher.
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Weitere Vorfälle gab es in Monte Carasso im Tessin, in der Zürcher Gemeinde Pfungen, in Kreuzlingen im Thurgau. Und das allein in den vergangenen Wochen. Der Schweizerische Büchsenmacher- und Waffenfachhändlerverband schreibt: «Die Einbrüche haben ein nie da gewesenes, dramatisches Ausmass erreicht.» Bereits 22 versuchte und gelungene Einbrüche auf Waffengeschäfte zählt das Fedpol in diesem Jahr (Stand Ende Juni). Inzwischen sind weitere dazugekommen.
Die anhaltende Gewalt macht etwas mit den Händlern. Schild sagt: «Vor dem Schlaf denke ich jedes Mal, ob sie diese Nacht wiederkommen.» Sein Haus hat er gleich gut abgesichert wie sein Geschäft. Schutzwesten inklusive. Sieht er ein französisches Kennzeichen, merkt er sich die Nummer, studiert den Fahrer. Man weiss ja nie.
Waffenhändler entführt
«Wir fühlen uns hilflos ausgeliefert», sagt ein anderer Waffenhändler. Der Mann weiss nicht, ob er in die Ferien kann. Er hat Angst, sein Geschäft könnte sofort zur Zielscheibe werden. Ein dritter Händler erzählt, wie er und sein Personal den Laden nachts inzwischen selbst überwachen: «Die Einbruchswelle überfordert die Behörden.» Sein Wachdienst hat der Polizei jüngst geholfen, vier Einbrecher zu fassen. Doch er sagt, die psychische Belastung bleibe schwer zu ertragen. «Wir leben in ständiger Angst vor einem weiteren Angriff.»
Niemand traut sich, mit Gesicht hinzustehen. Seit Jahren läuft ein Wettrüsten zwischen Waffenhändlern und Kriminellen. Die einen riegeln ihre Filialen ab, die anderen gehen brutaler vor. Nun fürchten die Händler die nächste Eskalationsstufe. Schild sagt es so: «Es ist eine Frage der Zeit, bis sie Geiseln nehmen, um an Waffen zu gelangen.» Bereits gab es Homejackings in der Westschweiz, vor allem in der Region Genf, wie das Fedpol schreibt. Der Unterschied zum gewöhnlichen Einbruch: Die Täter überfallen ihre Opfer bei sich zu Hause.
Für Aufsehen sorgte eine Entführung im Dezember 2019. Das SRF deckte die genauen Hintergründe auf. Ein Westschweizer Waffenhändler befand sich auf der Heimfahrt von einer Weihnachtsfeier in Frankreich. Da stoppten ihn vier vermeintliche Polizisten. Die uniformierten Männer legten ihm Handschellen an, verbanden ihm die Augen und fuhren zu seinem Geschäft. Grenzwächter entdeckten die Bande per Zufall. Die Entführer flohen, setzten das Opfer in einem Wald aus und sprühten ihm Pfefferspray ins Gesicht.
Doppelt gestraft
Es sind solche Vorfälle, die sich ins Gedächtnis der Waffenhändler eingebrannt haben. Und die dazu führten, dass die Politik im Jahr 2022 die Sicherheitsvorschriften für Waffengeschäfte verschärft hat. Seither ist Videoüberwachung Pflicht, gewisse Waffentypen gehören in Sicherheitsschränke, für Alarmanlagen gelten strengere Normen. Viele haben die Massnahmen bereits umgesetzt. Bis 2027 müssen alle Händler die Vorschriften erfüllen.
Die Betriebe tragen den verschärften Einbruchschutz grundsätzlich mit, sagt Daniel Wyss (62), Präsident des Schweizerischen Büchsenmacher- und Waffenfachhändlerverbands. Doch die Massnahmen kosten. Schild musste eine halbe Million in die Hochrüstung investieren. Zudem steigen die Versicherungsprämien infolge der Einbrüche. Nicht alle können das stemmen. «Einige Betriebe müssen deswegen auf Ende Jahr schliessen», sagt Wyss.
Unter den Händlern breitet sich ein ungutes Gefühl aus. «Viele fühlen sich doppelt gestraft», sagt Schild. Statt die Einbrecher für den Schaden aufkommen zu lassen, zwinge der Staat ihnen einen enormen Mehraufwand auf. Viele fragen sich, inwiefern strengere Auflagen noch zielführend sind. Verhindert haben sie die aktuelle Einbruchswelle jedenfalls nicht.
«Ich schlief, als sie kamen»
Die Kriminellen passen sich laufend an. Früher operierten sie in geschlossenen Banden. Jeder kannte jeden. So wie jene Gang, die im Herbst 2020 eine Reihe von Angriffen auf Schweizer Waffenlager verübte, ausgerüstet mit Vorschlaghammer und Winkelschleifer. Am 30. Oktober 2020 versuchte sie auch, in Schilds Geschäft im Kanton Aargau einzudringen.
Schild erinnert sich: «Ich schlief über dem Geschäft, als sie kamen.» Der Lärm weckt ihn, er hebt die Storen einen Spalt und sieht einen Mann, angeschrieben mit «Police» und eine Kalaschnikow in der Hand. Polizisten mit Kalaschnikows gibt es in der Schweiz nicht. «Da rief ich meine Frau.» Sie drückt den Alarmknopf. Schild schnappt sich ein Gewehr mit Magazin.
Als ein Einbrecher an der Wand hochklettert, will Schild einen Warnschuss abgeben. Er trifft den Eindringling am Ellbogen. Die Bande schiesst zurück, 17 Kugeln treffen das Haus, 7 das Schlafzimmer. Dann fliehen sie. Später muss sich Schild vor dem Bezirksgericht in Rheinfelden verantworten, weil er geschossen hat. Die Gerichtspräsidentin spricht ihn frei.
Wie die Täter vorgehen
Auch die Täter geraten ins Visier der Behörden, werden geschnappt und aus dem Verkehr gezogen. Damit ebben die Einbrüche auf Waffengeschäfte in den Jahren nach 2020 ab. Doch dann beginnen sich die Gangs in Frankreich neu aufzustellen. Sie dezentralisieren ihr Business.
«Crime as a Service», Verbrechen als Dienstleistung, heisst der neue Modus Operandi. Straftaten werden ausgelagert. Im Visier stehen längst nicht mehr nur Waffenhändler, auch Autogaragen, Bancomaten und Juweliere trifft es. Allein dieses Jahr zählt das Fedpol 300 bis 350 Fälle, die dem neuen Phänomen zuzuschreiben sind.
Das System der Verbrecher funktioniert so: Im Hintergrund sitzen die Auftraggeber. Sie ordnen Einbrüche an. Dann kommen die Rekrutierer. Auf Snapchat, Tiktok und Telegram suchen sie nach sogenannten Soldaten, die zur Tat schreiten. Um sie anzuwerben, schalten sie Werbevideos und bieten Summen von weit über 10’000 Euro pro Tat. «Die Geldbeträge steigen laufend», so das Fedpol. Und mit ihnen das Risiko schwerer Straftaten in der Schweiz.
Ein Täter war 14 Jahre alt
Gezielt sprechen die Rekrutierer Minderjährige und junge Erwachsene an, mit Emojis und Memes, alles in Jugendsprache. Oftmals kommen die Soldaten aus Frankreich, aus verarmten Vierteln im Grossraum Lyon, Annemasse, Grenoble. Mittlerweile sind dem Fedpol aber auch Fälle bekannt, in denen Jugendliche im Kanton St. Gallen und Zürich angeworben wurden. Der jüngste Täter war 14 Jahre alt.
Und dann gibt es die Logistiker. Sie versorgen die Soldaten mit Fahrzeugen, Werkzeug, finanziellen Mitteln und weiteren Kontakten. Für die Ermittler sind diese losen Strukturen eine massive Herausforderung. Gelingt es ihnen, einen Soldaten zu fassen, bringt sie das kaum weiter. Die Einbrecher wissen nicht, für wen sie einbrechen. Wird einer gefasst, kommt der nächste.
Zu Beginn haben die Täter vom Schweizer Kantönligeist profitiert, von der mangelhaften Koordination unter den Polizeikorps. Die Vereinigung der Kriminalpolizeichefs hat deshalb eine nationale Taskforce eingerichtet. Seit Anfang Mai unterliegt die Gesamtleitung beim Fedpol und der Kantonspolizei Zürich. Ihr Auftrag lautet: Identifikation, Aufklärung und Zerschlagung der Täterstrukturen.
Armee an Landesgrenze?
Die Schweiz bleibt aber für französische Banden attraktiv. Privater Waffenbesitz ist hierzulande tief verankert, ebenso die militärische Schiesstätigkeit. Entsprechend gibt es viele Waffengeschäfte auf kleinem Raum. Dazu kommt eine der tiefsten Polizeidichten Europas: Auf 10’000 Einwohner kommen 20 Polizisten (Stand 2025).
Daniel Wyss vom Büchsenmacherverband fordert deshalb mehr Ressourcen fürs Fedpol. Nur so liessen sich die Hintermänner ermitteln und verhaften. Die Waffenlobby Pro Tell geht sogar so weit, dass sie den Einsatz der Armee an den Landesgrenzen einfordert. «Der Schutz der Bevölkerung darf nicht an personellen Engpässen scheitern», schrieb der Verein diese Woche in einer Medienmitteilung.
Zudem fordert Pro Tell schon länger einen Waffentragschein für Waffenhändler. Im Geschäft ist das Tragen bereits heute erlaubt, doch die Verkäufer fürchten, auf dem Arbeitsweg abgepasst zu werden. Ladeninhaber Schild unterstützt die Forderung: «Irgendwann ist die Gefahr so gross, dass wir Händler immer eine Waffe dabeihaben sollten.» Bereits haben mehrere Händler Tragscheine beantragt, aber nicht alle Kantone bewilligen diese.
«Die lachen über uns»
Die Ermittlungen gegen die drei Männer, die Ende Juni in das Geschäft von Schild eindringen wollten, laufen noch. Laut Aargauer Staatsanwaltschaft sitzt ein erwachsener Beschuldigter in Untersuchungshaft. Die beiden anderen sind minderjährig. Zu ihrem Schutz macht die Behörde keine weiteren Angaben.
Die Jugendlichen können im Falle einer Verurteilung auf mildere Strafen hoffen. Zudem dürfen freiheitsentziehende Massnahmen bei Minderjährigen nur zurückhaltend und so kurz wie möglich angeordnet werden. Daniel Wyss vom Büchsenmacherverband sagt, es gebe glaubhafte Hinweise, dass dieselben Täter teils sofort nach ihrer Freilassung das nächste Delikt begangen hätten. «Solange wir solche Täter nicht längerfristig festhalten und hart bestrafen, lachen die nur über uns.» Und solange die Ermittler die Hintermänner in Frankreich nicht aufspüren, ist kein Ende der Einbruchserie in Sicht.