Fossilfund im Thüringer Wald: Was eine versteinerte Kloake über die Evolution verrät
Lange vor den Dinosauriern eroberten Ursaurier das Land. Am Bromacker im Thüringer Wald enthüllen außergewöhnlich gut erhaltene Fossilien nicht nur, wie diese frühen Landwirbeltiere lebten und aussahen. Ein neuer Fund eines Säugetierverwandten mit erhaltener Kloake könnte zudem einen der frühesten anatomischen Unterschiede zwischen Reptilien und Säugetieren sichtbar machen.
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AUDIO: ARD WISSEN lang: Ursaurierfunde vom Bromacker zeigen erste Säugetierkloake (4 Min)
Die Geheimnisse der Kloake
Neue Funde aus Thüringen zur Evolution der Ursaurier
Stand: 18.07.2026 20:44 Uhr
Lange vor den Dinosauriern eroberten Ursaurier das Land. Am Bromacker im Thüringer Wald enthüllen außergewöhnlich gut erhaltene Fossilien nicht nur, wie diese frühen Landwirbeltiere lebten und aussahen. Ein neuer Fund eines Säugetierverwandten mit erhaltener Kloake könnte zudem einen der frühesten anatomischen Unterschiede zwischen Reptilien und Säugetieren sichtbar machen.
von Inka Zimmermann
Die Ursaurier lebten lange vor den Dinosauriern – und starben rund 30 bis 60 Millionen Jahre vor ihnen aus. Dennoch haben wir mittlerweile eine Idee davon, wie die Ursaurier lebten und aussahen. Dank Fossilien, die bei Ausgrabungen gefunden wurden. Eine der weltweit bedeutendsten Stätten für diese Funde ist der Bromacker im Thüringer Wald. Anfang der 1990er-Jahre war dort, zwischen Georgenthal und Tambach-Dietharz, der erste Ursaurier entdeckt worden: Diadectes. Das sind schwer gebaute, bis zu drei Meter lange Landwirbeltiere, Riesenechsen mit massiven Kiefern und backenzahnähnlichen Zähnen, die Pflanzenmaterial zerkleinern konnten. Seitdem werden im Bromacker regelmäßig teils komplett erhaltene Skelette gefunden.
Sommergrabung im Bromacker
Ursaurier im Bromacker: In Thüringen sind die Dinos los
Wie findet man eigentlich Dinosaurier und Millionen Jahre alte Fossilien? Man muss sie ausgraben, genau. Und das passiert mitten in Deutschland, mitten in Thüringen. Im Juni Juni können sie wieder live dabei sein.
Die Ursaurier sind für unser Verständnis der Evolutionsgeschichte wichtig, weil sie die Entwicklung der Lebewesen vom Wasser zum Land entscheidend voranbrachten. Beispielsweise, indem die Amnioten als erste Wirbeltiere begannen, Eier zu legen, die auch auf dem trockenen Land überleben: "Damit konnten sie das vollterrestrische Milieu erkunden", erklärt der Paläontologe Jörg Fröbisch.
Aktuelle Studie beschreibt Funde aus der Region
Die Ursaurier unterschieden sich bereits in Reptilien und Säugetiere. "Beziehungsweise ganz frühe Säugetierverwandte", erklärt der Forscher. Mit den Säugetieren, die wir heute kennen, mit Haaren oder Fell etwa, dürfe man das nicht verwechseln. Optisch erinnern die Säugetiere der damaligen Zeit eher an Reptilien.
In einer aktuellen Veröffentlichung im Journal iScience beschreiben Fröbisch und Erstautor Lorenzo Marchetti einen Fund aus der Nähe des Bromackers, der möglicherweise einen entscheidenden Unterschied zwischen den frühen Reptilien und den Säugetierverwandten offenbart: Es ist der Abdruck eines frühen Säugetieres auf einer Steinplatte, die aus einem Steinbruch in der Region geborgen werden konnte.
Kloaken werden selten identifiziert
Mittels Photogrammetrie untersuchten die Forschenden das Relief an der Oberfläche der Steinplatte. "Das bedeutet, dass man viele Fotos von verschiedenen Seiten macht und das dann als 3D-Modell zusammensetzt", schildert der Paläontologe. Auf diese Weise kommen Höhenunterschiede besonders gut zur Geltung. Was den Forschenden dabei auffiel: ein kleiner Schlitz zwischen den Beinen des Ursauriers, der den Synapsiden zugeordnet wird. Mit großer Sicherheit die Kloake. "Die Kloake ist im Prinzip am richtigen Ort, nämlich an der Basis eines langen Schwanzes zwischen den Beinabdrücken", erklärt Fröbisch. Er schwärmt: "Kloaken sind unfassbar selten im Fossilbereich, deshalb ist das einfach super spannend."
Die Kloake diente dem frühen Säugetierverwandten nicht nur zur Fortpflanzung, sondern auch für Ausscheidungen und zur Eiablage. Auch heute gibt es noch Tiere, die Kloaken haben. Beispielsweise Vögel, Amphibien, Reptilien und Säugetiere wie das Schnabeltier. Zur Zeit der Ursaurier war die Kloake weitverbreitet.
Erst Anfang des Jahres hat das Forschungsteam um Lorenzo Marchetti einen ähnlichen Fund beschrieben: Abdrücke auf einer Steinplatte aus der Goldlauter-Formation, ebenfalls im Thüringer Wald, konnten als Reptil aus dem Erdzeitalter des frühen Perm zugeordnet werden. Damit sind diese Funde 298 bis 299 Millionen Jahre alt. Auch hier konnten die Forschenden eine Kloake zwischen den Beinen des Reptils finden. Aber: Sie war anders ausgerichtet als die nun identifizierte Säugetierkloake.
Die Kloake könnte Gattungen unterscheiden
Während die Kloake des Säugetiervorfahren ein vertikaler Schlitz ist, also von oben nach unten entlang der Körpermitte, scheint die Reptilienkloake eher vertikal ausgerichtet zu sein, also von links nach rechts, von einem Bein zum anderen.
Obwohl die beiden Gattungen an diesem Punkt der Erdgeschichte vermutlich sehr ähnlich aussahen, scheinen die Forschenden damit einen wichtigen Unterschied identifiziert zu haben, möglicherweise einen der ersten Unterschiede zwischen Säugetieren und Reptilien. Jörg Fröbisch mahnt: Um das aber wirklich mit Sicherheit belegen zu können, brauche es mehr Fossile unterschiedlicher Arten und unterschiedlichen Alters. Aus seiner Sicht sei es aber ein Indiz.
Weitere Funde könnten diese Indizien nun entweder verstetigen oder verwerfen. Möglicherweise liegen im Bromacker noch weitere Fossilien, die Aufschluss über die Evolution der Kloake geben können. 80 bis 100 Funde mache man dort während einer Ausgrabung an einem Tag, sagt der Paläontologe, der zum Zeitpunkt des Interviews am Rande der Ausgrabungsstätte im Thüringer Wald sitzt und Teil der allsommerlichen Grabungen ist. "Erstaunlicherweise finden wir jedes Jahr auch etwas, das wir noch nicht hatten." Das sei etwas Besonderes.
Bei Instagram geben die Forschenden übrigens Einblicke in die Arbeiten.