Matthias Claudius in der Frankfurter Anthologie
Diese Klage über die Sklaverei ist in einer Zeitung erschienen, die einem Sklavenhändler gehörte. Nach ihrem Verfasser sind nicht nur Straßen und Plätze, sondern auch Kirchen benannt.
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Matthias Claudius wurde 1740 im holsteinischen Reinfeld geboren und starb 1815 in Hamburg. Wiewohl aus einer Pastorenfamilie stammend und sein Leben lang tiefgläubig, brach er sein Studium der evangelischen Theologie in Jena ab, wechselte zu Juristerei und anderen Studien und schlug sich schließlich als Journalist, Dichter und Übersetzer durch. Mit vielen Größen seiner Zeit in Verbindung, wurde er nicht von allen als ihresgleichen angesehen, darunter auch die Weimarer Klassiker, die seine Volkstümlichkeit unter ihrer Würde gefunden haben mögen; für Goethe war er ein „Narr“ – eine „völlige Null“ für Wilhelm von Humboldt. Tatsache ist, dass Leben und Beruf des Matthias Claudius unstet blieben, so auch seine Anstellung beim „Wandsbecker Bothen“ (so die damalige Schreibung), jener von 1771 bis 1775 in Wandsbek – damals im dänischen Holstein, heute ein Stadtteil von Hamburg – erscheinenden Tageszeitung, deren Redakteur er war.
Wer von Matthias Claudius nur noch das Abendlied („Der Mond ist aufgegangen“, 1779) kennt, und auch davon womöglich nur noch einige Strophen, muss sich wundern, dass nach ihm bis heute Kitas und Schulen, Kirchen und Gemeinden benannt sind, von Straßen und Plätzen nicht zu reden.
Sklavenhandel als Herzenssache
Matthias Claudius war, was man in der Musik einen Kleinmeister nennt. Der Humanismus seines überwiegend lyrischen Werkes wirkt mitunter betulich. Wie ernst es dem Dichter war, zeigen Texte wie das am 31. August 1773 im „Wandsbeker Boten“ erschienene Gedicht „Der Schwarze in der Zuckerplantage“ oder auch das Anti-„Kriegslied“ („s’ist Krieg! s’ist Krieg!“), das aus Anlass des Bayerischen Erbfolgekriegs entstand und das zusammen mit dem Abendlied 1779 im Göttinger Musenalmanach erschien.
So eingängig wie das „Abendlied“ konnte das „Mohrenlied“, wie das Gedicht vom Schwarzen in der Zuckerplantage kurz genannt wird, nicht sein. Zwar sind auch diese beiden Strophen kreuzgereimt einfach, kontrastieren aber im Metrum und in der Aussage. Während der Sklave in der ersten Strophe seine Lage beschreibt, ruft er in der zweiten Strophe, die programmatisch mit der längsten Zeile überhaupt beginnt („Und ich hab den Männern ohn Erbarmen“), Gott an – eine Klage, keine Anklage! Die beiden dreihebigen Verse „Nichts getan“ und „Schwarzen Mann“ erhalten durch ihre Kürze Gewicht; Ausrufezeichen und die „Ohhh“ geschriebene Interjektion steigern die Emphase.
Die Versklavung anderer Völker durch Europäer war schon vor Claudius angeprangert worden, auch in Gedichten. Mehr als Namen der Dichter sagen hier Titel der Gedichte: Gegen die Negersklaverei, Freiheitslied eines Kolonisten, Der Mohr und der Weiße, Lied eines Negersklaven im Beginn des amerikanischen Krieges, Neger-Idyllen. Übrigens lässt auch der Titel „Der Schwarze in der Zuckerplantage“ nicht vermuten, dass die Bezeichnung „Schwarzer“ abwertend gemeint sei, und daraus, dass das Gedicht als „Mohrenlied“ bezeichnet wurde, darf man folgern, dass auch damals „Mohr“ nicht abwertend gebraucht wurde, ja, nach einigen jener Gedichttitel zu schließen, gilt das auch für „Neger“, das im 17. Jahrhundert aus dem Französischen (nègre) entlehnt wurde und seinerseits „Schwarzer“ bedeutet. Was ein Wort bedeutet, ist eine Sache – eine andere ist, wie es gemeint ist.
Durch Sklavenhandel in Deutschland Reichtum gekommen
Dass das „Mohrenlied“ im „Wandsbeker Boten“ erschien, ist nicht trivial. Zum einen war Claudius als gläubiger Christ, wenn kein Gegner der Aufklärung, zu deren Anliegen die Abschaffung der Sklaverei gehörte, so doch ein Aufklärungsskeptiker, der die Gottgegebenheit der bestehenden Verhältnisse nicht infrage stellte; zum andern war der „Wandsbeker Bote“ von Baron Heinrich Carl von Schimmelmann gegründet worden, der durch Sklavenhandel in Deutschland und Dänemark zu Reichtum und Ansehen gekommen war und mit dem Satz zitiert wird: „Sclaven-Handel liegt mir sehr am Herzen“. Das Geschäftsmodell wird als „Atlantischer Dreieckshandel“ bezeichnet: Europäische Schiffe tauschten in westafrikanischen Häfen europäische Produkte gegen Sklaven; diese wurden nach Amerika verschleppt und an Plantagenbesitzer verkauft; deren Produkte, unter anderem Rohrzucker, wurden wieder nach Europa verschifft und dort vermarktet. Das heißt, Claudius veröffentlichte seine Klage über die Sklaverei in einer Zeitung, die einem Sklavenhändler gehörte ─ umgekehrt ausgedrückt, ließ dieser Sklavenhändler in seiner Zeitung ein Gedicht gegen die Sklaverei erscheinen.
Schimmelmann, der zeitweise als reichster Mann Europas galt, wird sogar als mäzenatisch und sozial eingestellt beschrieben. So mag es denn sein, dass er im Sklavenhandel keine Zukunft mehr sah und Claudius gewähren ließ. Tatsache ist, dass Claudius 1775 als Chefredakteur des „Wandsbeker Boten“ entlassen und die Zeitung bald danach ganz eingestellt wurde (woraufhin Claudius sich gerne selbst als Wandsbeker Bote inszenierte). 1782 starb Schimmelmann, und sein Sohn wickelte den Sklavenhandel ab, der bald auch von der Politik verboten wurde: in Dänemark 1792, in England 1807; in Frankreich zum ersten Mal 1794, in den USA 1865, in Deutschland 1895, aber es dauerte oft noch Jahrzehnte, bis das Verbot durchgesetzt wurde.
Viele Gedichte von Matthias Claudius wurden vertont, das „Abendlied“ angeblich über siebzig Mal. Zwei Vertonungen sind auch vom „Mohrenlied“ belegt: von Johann Rudolf Zumsteeg, erschienen Anfang des 19. Jahrhunderts, und von Othmar Schoeck, erschienen 1937.
Matthias Claudius: Der Schwarze in der Zuckerplantage
Weit von meinem Vaterlande
Muß ich hier verschmachten und vergehn,
Ohne Trost, in Müh und Schande;
Ohhh die weißen Männer!! klug und schön!
Und ich hab den Männern ohn Erbarmen
Nichts getan.
Du im Himmel! hilf mir armen
Schwarzen Mann!
Matthias Claudius: „Der Wandsbeker Bote“. Mit einem Vorwort von Peter Suhrkamp und einem Nachwort von Hermann Hesse. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1975, S. 39. Vergriffen.
Von Harro Stammerjohann ist zuletzt erschienen: „Das Italienische am Italienischen: die italienische Sprache in Vergleichen“. Auf dem Publikationsserver der Goethe-Universität Frankfurt als open-access-Publikation abrufbar: https://publikationen.ub.uni-frankurt.de/99176.
Redaktion Hubert Spiegel
Gedichtlesung Thomas Huber