Historiker vergleicht DDR-Wirtschaft mit der BRD: Vielleicht doch alles anders?
Peter E. Fäßler legt eine neue Studie zur Wirtschaftsgeschichte beider deutscher Staaten vor. Er zeigt, dass die sowjetische Besatzungszone durch Reparationsforderungen weit stärker belastet wurde als Westdeutschland.
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Stand: 26.07.2026, 12:54 Uhr
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Peter E. Fäßler legt eine neue Studie zur Wirtschaftsgeschichte beider deutscher Staaten vor. Er zeigt, dass die sowjetische Besatzungszone durch Reparationsforderungen weit stärker belastet wurde als Westdeutschland.
Wenn Breschnew das noch erlebt hätte. Immer wieder hatte er den Genossen doch deutlich gesagt, es dürfe „keinen Prozess der Annäherung zwischen der DDR und der BRD“ geben. Spätestens beim VIII. Parteitag im Juni 1971 gab der Staatschef aus Moskau den Mitstreitern in Ostberlin vor: Sie sollten für deutliche Distanz zum anderen deutschen Staat sorgen, den Westen vergessen und es jetzt zur vordringlichen Aufgabe machen, „das materielle und kulturelle Lebensniveau des Volkes zu erhöhen“.
Das Buch
Peter E. Fäßler: Aufbruch, Aufschwung, Krisen. Wirtschaftsgeschichte beider deutscher Staaten 1949-1990. Kohlhammer. 244 S. 34 Euro.
Das setzte aus der Sicht des Obersten Sowjets „ein höheres Entwicklungstempo der sozialistischen Produktion, die Erhöhung der Effektivität des wissenschaftlichen technischen Fortschritts und des Wachstums der Arbeitsproduktivität“ voraus.
Das aber wurde nichts, bilanziert Peter E. Fäßler in seinem neuen Buch „Aufbruch, Aufschwung, Krisen“ über die Wirtschaftsgeschichte beider deutscher Staaten von 1949 bis 1990. Anders als Ostberlin sah sich „die Bonner Demokratie zu keinem Zeitpunkt mit einer ökonomisch provozierten Existenzkrise“ konfrontiert. Mit der jungen Bonner Republik wird bis heute ein gemeinhin als Wirtschaftswunder bezeichneter Höhepunkt der Prosperität verbunden. Der Konkurrenz in Ostberlin hingegen mangelte es „bei der eigenen Bevölkerung an Wertschätzung“.
Fäßlers Buch gehört in die Reihe, die das in München und Berlin ansässige Institut für Zeitgeschichte seit einiger Zeit zur Geschichte der beiden deutschen Staaten herausgibt. Ein Buch, das vor allem durch eine anschauliche Datensammlung zur wirtschaftlichen Entwicklung in Ost und West besticht. Wer sich für den Beginn der deutsch-deutschen System-Konkurrenz interessiert, ist bei Fäßler genau richtig.
Damit schreibt der Historiker jetzt eine frühere Studie über den Wandel der deutsch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen in der Zeit bis 1969 fort. Schon in dieser Untersuchung über die Beziehungen der Wirtschaftsakteure in beiden deutschen Staaten während des Kalten Krieges hatte er hervorgehoben, wie sich Blickwinkel auf die je eigenen Entwicklungen in dieser Zeit veränderten: „Je mehr das politische und militärische Bedrohungspotential, das von der DDR ausstrahlte, verschwand, umso unbefangener orientierten sich die Wirtschaftsakteure an betriebswirtschaftlichen Eigeninteressen.“
Fäßlers neues Buch über die Wirtschaftsgeschichte bis zum Fall der Mauer beginnt mit den „Ikonen auf Rädern“: Um 1960 rollten „klein, robust und nichts allzu geschwind“ die Automobile „Trabant“ und „Käfer“ über die Straßen in Deutschland Ost und West. Damit beginnt „die Erzählung zweier Volkswirtschaften, die nach dem Zweiten Weltkrieg von vergleichbar niedrigem Niveau aus einen Neuanfang vollzogen.“
Die SBZ weitaus stärker beeinträchtigt
Gestützt auf diese Marksteine erzählt man sich die Geschichte bis heute. Fäßler, Historiker an der Universität Paderborn, aber will das Bild mit feinerem Strich zeichnen: Seine Studie beansprucht, der Schlichtheit der Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die unterm Strich Aufstieg und Niedergang heißen, „wichtige Grautöne“ einzufügen. Dazu gehört für ihn die Entwicklung der Wirtschaft beider deutscher Staaten als zwar „separate, dennoch miteinander korrespondierende(r) Pfade“.
Fäßler richtet seinen Fokus beispielsweise auf die Reparationsleistungen, die die beiden deutschen Staaten unmittelbar nach 1945 an die Sieger zu leisten hatten. Da es ganz konträre Forderungen gegeben habe, dürfe man sich nicht wundern, dass die Besiegten unter entgegengesetzten Voraussetzungen in die Nachkriegszeit starten mussten.
Während Entnahmen aus der laufenden Produktion und direkte Übernahmen deutscher Unternehmen für die Westmächte kaum eine Rolle spielten, sei die Ausgangslage in der SBZ, der Sowjetischen Besatzungszone, komplett anders gewesen. Fäßler unterstreicht, dass „die SBZ in ihren Entwicklungsmöglichkeiten in weitaus stärkerem Maße als die Westzonen beeinträchtigt“ worden sei. Mit einem Ergebnis, das bereits zu diesem Zeitpunkt nachwirkte: 1950 „lag die bundesdeutsche Industriekapazität elf Prozent über jener des Jahres 1936“. Zu dieser Zeit liegt die Industrieproduktion der DDR weit unter 80 Prozent des Vergleichsjahres 1936.
Die Geschichte beider deutscher Staaten läuft von diesem Zeitpunkt an immer weiter auseinander: Während „die bundesdeutsche Marktwirtschaft eine Innovations- und Wachstumsdynamik“ entfaltete, vermochte die sozialistische Planwirtschaft der rasanten Entwicklung „kaum zu folgen“. Dabei galt die DDR Ende der 50er Jahre als „blühendste Gesellschaft im Ostblock“.
Doch im deutsch-deutschen Wirtschaftswettbewerb blieb sie die ewige Zweite. Bei der Produktivität und dem Konsumangebot verlor die DDR massiv an Boden. Der Welt des Überflusses stand alsbald die Welt des Mangels gegenüber. Fäßler kommt zu seinem Fazit: „Nicht wirtschaftspolitische Fehlentscheidungen, sondern systemische Schwächen und außenwirtschaftliche Störungen gaben den Ausschlag für das ökonomische und schließlich politische Scheitern des Sozialismus.“ Am Ende seines Buches fragt Peter E. Fäßler, nach den Auswirkungen für die Gegenwart, nach dem, „was bleibt?“. Er spricht von „zerplatzten Träumen“, die unter Ostdeutschen „Zorn, Enttäuschung und Resignation“ hervorgerufen hätten. Dem gesamten Transformationsprozess habe „die Logik der ,Schocktherapie‘ zugrunde gelegen“. Zwar sei diese durch westdeutsche Transferleistungen „auf Schuldenbasis in ihren Härten abgefedert worden“.
Zur Hinterlassenschaft dieser Zeit listet Fäßler knappe Stichworte auf, um „das strukturelle Erbe der Deutschen Einheit“ und „einige Asymmetrien“ zu erfassen. Dazu zählt der Autor, dass die wirtschaftliche Struktur auf dem Gebiet der ehemaligen DDR bis heute „klein- und mittelständisch“ geprägt und kein Dax-Unternehmen in diesem Teil des Landes mit einem Stammsitz anzutreffen sei.
Hinzu kommt, dass der Immobilienbesitz in den attraktiven ostdeutschen Metropolen sich zumeist in den Händen westdeutscher Eigentümer befinde. Vor allem habe der „individuelle wie kollektive Erfahrungsraum“, in dem es einen sicheren Arbeitsplatz gab, „eine rasche Entwertung“ erlebt. Und selbst wenn sich neue Erwartungshorizonte mit der Aussicht auf mehr Konsum und besseren Lebensstandard auftaten, hätten sie häufig in Kontrast zu Erfahrungen des Abstiegs gestanden.
Auch der Fakt, dass in den Führungsetagen in Politik, Medien, Kultur und Wirtschaft meist nach wie vor Westdeutsche das Sagen haben, sorge für Frust. Diese „strukturellen Eigentümlichkeiten“ hätten sich in den vergangenen drei Jahrzehnten nur wenig verändert.
Die Debatte darüber ist für Fäßler jetzt aber „in vollem Gange“.