Lyrikerin zieht Elster auf – Der Trost, den ein Vogel spenden kann
StartseiteKulturLiteraturStand: 26.07.2026, 12:53 UhrKommentareUns auf Google folgenGeorge treibt Unfug, ist aber auch empfindlich. © Imago Images/Sunbird Images„George und ich“: Lyrikerin Frieda Hughes zieht e...
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Stand: 26.07.2026, 12:53 Uhr
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„George und ich“: Lyrikerin Frieda Hughes zieht eine Elster auf
und schreibt Tagebuch.
Die britische Lyrikerin und Malerin Frieda Hughes mag es verständlicherweise nicht, wenn man sie vorstellt und sofort hinzufügt, dass sie die Tochter der Schriftstellerin und Dichterin Sylvia Plath und des Dichters Ted Hughes ist. Manchmal werde sie dann von Leuten angestarrt, „als rechneten sie damit, dass jeden Moment meine Eltern hinter mir hervorsprangen“.
Das Buch
Frieda Hughes: George und ich. a. d. Engl. von Niklas Wagner. Eisele Verlag, München 2026. 337 S., 24 Euro.
Andererseits beginnt sie ihr (etwas zu salopp, aber dazu später mehr) auf Tagebucheinträgen beruhendes Buch „George und ich“ mit einer Erinnerung an ihre Kindheit nach dem Suizid ihrer Mutter. Nach nichts sehnte sie sich so sehr wie nach einem festen Zuhause und damit dem „Gefühl von Stabilität und Zugehörigkeit“. Denn ihr Vater konnte oder wollte sich nirgendwo mehr niederlassen, Frieda und ihr jüngerer Bruder Nick „folgten ihm auf Schritt und Tritt wie zwei hinterherhinkende Gliedmaßen“. Als sie dreizehn war, wechselte sie bereits zum dreizehnten Mal die Schule.
Die Intelligenz einer Ente hält da nicht mit
Und so erklärt Frieda Hughes sich und ihrer Leserschaft, warum sie ein Elsternküken großzieht und sich nicht trennen mag vom erwachsenen Vogel.
Auf den Zeitraum Mai 2007 bis Januar 2009 bezieht sich das mit Zeichnungen der Autorin versehene Buch. Hughes hat in Wales ein altes, renovierungsbedürftiges Haus mit Garten gekauft, wo sie mit ihrem dritten Mann lebt – der übrigens nie mit Namen, sondern nur als „Ex“ vorkommt (es war der deutlich ältere ungarisch-australische Maler László Lukács, 2010 ließen sie sich scheiden). Sie arbeitet, schuftet im Garten, findet nach einem Sturm ein Küken, findet, weil es laut schreit, ein zweites. Das erste stirbt, das zweite wird bei Frieda Hughes groß.
Gerade kam die Verfilmung von „H wie Habicht“ in die Kinos, dem wunderbaren Buch von Helen Macdonald. Nun in Übersetzung – „George. A Magpie Memoir“ kam 2023 heraus – eine weitere Geschichte über eine Frau, die sich mit einem Vogel anfreundet. Macdonald half die Beziehung zum Tier, über den Tod ihres Vaters hinwegzukommen. Hughes findet ein Stückchen Trost, da ihre Ehe zerbricht.
„Nichts lenkt uns besser von den pragmatischen Sorgen unseres Alltags ab als ein Lebewesen, das stirbt, wenn wir ihm nicht umgehend unsere Fürsorge entgegenbringen.“ Aber es wird auch klar, dass Hughes etwa an einem Entchen bei weitem nicht so interessiert ist, mit dem sie es versucht, nachdem der erwachsene George sich endgültig davongemacht hat in die Freiheit.
Denn was aus den Aufzeichnungen der Autorin deutlich wird, ist die erstaunliche Intelligenz dieser Vögel – eine Ente kann da nicht mithalten. Immer wieder erzählt Hughes von den Streichen und Eskapaden Georges. Davon, wie er nur ein einziges Mal gegen eine Scheibe fliegt, es sich sofort merkt, dass er da nicht hinauskann. Wie er ständig Dinge stibitzt, versteckt, sich die Verstecke merkt. Wie er beleidigt sein kann, wenn er nicht die erwartete Aufmerksamkeit erhält. Wie er vor den drei Hunden des Haushalts herumalbert: „George war ihr Hundefernsehen“. Wie er Menschensprache nachzuahmen versucht.
Das Buch folgt, wie gesagt, mit offenbar nur wenigen Veränderungen den Tagebucheinträgen von damals. Und so hätte ein Lektorat Einfluss nehmen müssen, um die auf mehr als 300 Seiten dann doch ermüdenden Wiederholungen zu tilgen. Irgendwann hat die Leserin verstanden, dass Hughes dauernd Vogelkacke wegmachen muss. Und dass George auch Schaden anrichtet, was zum Streit mit dem Ex führt. Man hat verstanden, dass die Autorin sich Sorgen macht, sobald die zahme Elster allein draußen ist: Jäger könnten sie erschießen, Nachbarn überfahren, der Fuchs erwischen.
Frieda Hughes lässt einen Handwerker eine Voliere bauen. Sie weiß im Grunde, dass sie „eine dämliche Memme war, die unter Trennungsangst litt“. Aber sie möchte George dennoch bei sich behalten. Er verschwindet, für immer, ehe sie ihn einsperren kann – und die Leserin kann das nur begrüßen.
Es folgen in der Obhut von Frieda Hughes ein mutterloses Entchen, eine alte, kranke Krähe, eine Eule – sie nennt sie Arthur –, die wegen eines kaputten Flügels nicht fliegen kann. Am Ende scheint aber vor allem die Scheidung gegen ihre gesundheitlichen Probleme zu helfen.