Erdbeben Venezuela: Unicef-Vize berichtet von Massenbegräbnissen und 4100 Toten
Gabriel Vockel, stellvertretender Unicef-Länderchef in Venezuela, erlebte die schweren Erdbeben mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Er berichtet von Hunderten Nachbeben, zerstörten Schulen und Kindern, die ihre Eltern verloren haben.
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Darum gehts
- Gut drei Wochen nach den verheerenden Erdbeben in Venezuela beginnt für viele überlebende Familien die kritische Phase erst.
- Der stellvertretende Länderchef von Unicef Venezuela hat das Beben hautnah erlebt.
- Noch immer seien die Schäden enorm, viele Menschen hätten alles verloren und täglich werden weitere Todesopfer geborgen, beschreibt Gabriel Vockel die Situation vor Ort.
- Unicef versuche, zu helfen, wo es gehe, doch es fehle an Geld.
Als die Erde bebte, war Gabriel Vockel mit seiner Familie zu Hause. Der stellvertretende Unicef-Länderchef lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern im Alter von neun und elf Jahren in der Hauptstadtregion Caracas in Venezuela und erlebte die heftigen Erdbeben vor gut drei Wochen hautnah mit.
«Ich habe diese grosse Panik und Angst am eigenen Leib und mit meiner Familie erlebt», sagt Vockel. Auch mehr als zwei Wochen nach den schweren Beben sei die Gefahr nicht vorbei. In dieser Zeit habe es rund 600 Nachbeben gegeben. Teilweise seien bereits beschädigte Häuser dadurch vollständig eingestürzt.
Tausende Tote und Verletzte
Zum Zeitpunkt des Interviews lagen die offiziellen Zahlen laut Vockel bei rund 4100 Toten und fast 17’000 Verletzten. Zehntausende Menschen würden noch vermisst. Er gehe deshalb davon aus, dass die Opferzahlen weiter steigen.
Mindestens 18’000 Menschen hätten ihr Zuhause verloren. Besonders schwer getroffen sei die Küstenregion La Guaira. 432 Schulen und mehr als zehn grössere Spitäler wurden stark beschädigt. Auch der internationale Flughafen in La Guaira sei schwer getroffen worden. In vielen betroffenen Gebieten funktioniere zudem die Wasserversorgung nicht mehr. Wie gross die Schäden an den unterirdischen Leitungen seien, lasse sich derzeit nur schwer abschätzen.
«Das Leid macht auch vor Unicef nicht halt»
Besonders bewegten ihn die Geschichten von Kindern, die Eltern oder Geschwister verloren hätten und nun teilweise allein seien, sagt Vockel. Auch innerhalb seines Teams seien Menschen direkt von der Katastrophe betroffen. Einige Mitarbeitende hätten ihre Häuser verloren. Andere hätten Angehörige bei Massenbeerdigungen bestatten müssen.
«Das Leid macht auch vor Unicef nicht halt», sagt Vockel. Für ihn sei das Erlebte auch deshalb besonders belastend, weil er die Panik gemeinsam mit seiner eigenen Familie durchgestanden habe. Die grosse Zahl der Todesopfer zwinge die Behörden laut Vockel dazu, die Toten sehr schnell zu bestatten, um die Ausbreitung von Seuchen zu verhindern.
169’000 Kinder brauchen Hilfe
Unicef will nach eigenen Angaben rund 470’000 Menschen mit unmittelbarer Erdbebenhilfe erreichen, darunter etwa 169’000 Kinder. Die Katastrophe treffe ein Land, in dem bereits zuvor fast acht Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen gewesen seien. Darunter seien rund 3,9 Millionen Kinder.
«Kinder sind das schwächste Glied», sagt Vockel. Wenn das Zuhause fehle, Schulen ausfielen und die Wasserversorgung zusammenbreche, steige das Risiko von Krankheiten, Gewalt und Ausbeutung. Kinder, die in Notunterkünften oder auf der Strasse lebten, könnten laut Vockel Opfer von Kinderarbeit oder sexualisierter Gewalt werden.
Unicef versucht deshalb, Familien aus provisorischen Zeltlagern nach Möglichkeit in feste öffentliche Gebäude wie Turnhallen zu verlegen. In den Unterkünften sorgt die Organisation laut Vockel für sauberes Wasser, Beleuchtung in der Nacht und nach Geschlechtern getrennte Toiletten. Dadurch solle das Risiko von Übergriffen gesenkt werden.
«Die Hilfe bewegt sich inzwischen von der unmittelbaren Lebensrettung in eine zweite Phase», sagt Vockel. Dabei gehe es um medizinische Versorgung, Impfungen, psychologische Unterstützung und die Wiederherstellung wichtiger Infrastruktur.
Spielecken für traumatisierte Kinder
«Kinder zeigten nach den Beben Panik, Angst und starke Belastungsreaktionen», sagt Vockel. Hinzu komme der Schmerz über den Verlust oder die Trennung von Familienmitgliedern. Unicef habe deshalb vom ersten Tag an sogenannte Spielecken in Notunterkünften eingerichtet. Dort können Kinder malen, Musik hören, tanzen und spielen. «Es geht darum, dass Kinder einen sicheren Ort haben, an dem sie Kinder sein dürfen», sagt Vockel.
Solche Angebote sollen Kindern Stabilität und eine erste Form psychosozialer Unterstützung bieten. Das soll helfen, posttraumatische Belastungsstörungen gar nicht erst entstehen zu lassen.
Nicht alle Gebiete sind erreichbar
Eine der grössten Herausforderungen sei der Zugang zu abgelegenen Regionen. Unicef arbeite deshalb mit lokalen Organisationen zusammen. Diese brächten Hilfsgüter mit Lastwagen oder kleineren Fahrzeugen in betroffene Ortschaften. Hinzu komme eine grosse Finanzierungslücke. Allein für die zusätzliche Erdbebenhilfe benötigt Unicef laut Vockel mehr als 65 Millionen US-Dollar. Insgesamt liege der Bedarf der Organisation in Venezuela bei 203 Millionen US-Dollar. Bislang sei davon nur rund ein Viertel finanziert.
«Von vier Dollar, die wir benötigen, steht uns nur einer zur Verfügung», sagt Vockel. In den kommenden Wochen gehe es weiterhin um Trinkwasser, Nahrung, sichere Unterkünfte und die Wiederherstellung der wichtigsten Dienste für Kinder.
Hast du schon einmal ein Erdbeben erlebt?
Ja, leider schon ein heftiges.
Ja, aber nur ganz kleine, die kaum Schaden angerichtet haben.
Nein, davon wurde ich bisher zum Glück verschont.
Keine Angabe.

Daniel Graf (dgr) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Leiter des Ressorts New und seit September 2023 Mitglied der Redaktionsleitung.