MGCS-Panzer: Warum die deutsch-französische Allianz zu scheitern droht
Symbolbild (Bild: Spech / Shutterstock.com) Nach dem Kampfjet FCAS wackelt auch der gemeinsame Zukunftspanzer MGCS. Das Projekt schrumpft zur Technologie-Hülle. Deu...
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Symbolbild
(Bild: Spech / Shutterstock.com)
Nach dem Kampfjet FCAS wackelt auch der gemeinsame Zukunftspanzer MGCS. Das Projekt schrumpft zur Technologie-Hülle.
Deutschland und Frankreich sind Verbündete, die es nicht so oft schaffen, in dieselbe Richtung zu gehen. Am Freitag tagte der Deutsch-Französische Ministerrat und beide Seiten vereinbarten wieder einmal, in Fragen von Rüstung und Verteidigung enger kooperieren zu wollen.
Doch bei genauerem Hinsehen entsteht der Verdacht, dass beide Seiten bei einem weiteren gemeinsamen Projekt getrennte Wege gehen. Gemeint ist das Main Ground Combat System (MGCS), so wie der Panzer der Zukunft eigentlich heißen soll.
Dass jetzt Schluss damit sein könnte, vermuten die Kollegen vom Fachmagazin Hartpunkt. Sie sind in der Pressemitteilung des Verteidigungsministeriums über einen Satz gestolpert, der sie aufhorchen ließ.
Deutschland und Frankreich wollen demnach lediglich eine "plattformunabhängige Technologie" für bemannte und unbemannte gepanzerte Plattformen entwickeln. Vom gemeinsamen Chassis für eine ganze Fahrzeugfamilie – Kanonenplattform, Flugkörperplattform, Kampfunterstützungsplattform –, wie es noch im Memorandum of Understanding vom April 2024 vorgesehen war, ist jetzt keine Rede mehr.
Wie Hartpunkt betont, waren eigentlich acht Säulen für die Entwicklung geplant. Übrig bleibt jetzt wohl nur noch eine, das "digitale Nervensystem" für vernetzte Operationsführung.
Den Rest weiterhin als "Main Ground Combat System" zu bezeichnen, sei eine "Beleidigung des Intellekts" jeder Person, die sich mit dem Sachverhalt auskenne, schreibt Hartpunkt-Autor Waldemar Geiger.
Die Parallele zum Luftkampfsystem FCAS (Future Combat Air System) drängt sich auf. Dort einigten sich Berlin und Paris zuletzt ebenfalls nur noch auf die gemeinsame Entwicklung der Vernetzungsebene – der sogenannten Combat Cloud –, während die Kampfflugzeuge selbst getrennte Wege gehen sollen.
Zwei Doktrinen, ein Panzer – die Gleichung geht nicht auf
Die Differenzen zwischen Deutschland und Frankreich sind im Grunde lange bekannt, und sie reichen weit über den Horizont der Industriepolitik hinaus. Das Problem ist, dass beide Länder grundlegend unterschiedliche Einsatzdoktrinen verfolgen.
Frankreich bevorzugt etwa einen leichteren Kampfpanzer, der sich schnell per Luft- oder Seetransport in Übersee-Einsatzgebiete verlegen lässt – auf Kosten eines geringeren Schutzes für die Besatzung. Für Einsätze in den ehemaligen afrikanischen Kolonien wäre ein solcher Panzer durchaus geeignet.
Deutschland setzt dagegen traditionell auf maximale Panzerung, was nicht zuletzt daher rühren dürfte, dass man mangels ehemaliger Kolonien mit Einsätzen auf dem europäischen Kontinent rechnet. Ein Beispiel für diese Doktrin ist der Leopard 2, der je nach Variante über 60 Tonnen wiegt, was erhebliche Anforderungen an Straßen, Schienen und Brücken stellt.
Hinzu kommen Differenzen in der Frage, wie Sicherheit in Zukunft organisiert werden soll. Die Strategie der Bundesrepublik setzt dabei auf die Integration in Nato-Strukturen und der Systemkompatibilität mit den USA, was sich etwa im Kauf von F-35-Kampfjets für die nukleare Teilhabe manifestiert.
Frankreich dagegen strebt eine von Washington unabhängige Verteidigungsfähigkeit an. Für Paris soll ein künftiger Kampfjet zugleich als Atomwaffenträger und auf Flugzeugträgern einsetzbar sein – Anforderungen, die Berlin schlicht nicht teilt.
Die Stiftung Wissenschaft und Politik bezeichnete FCAS bereits 2020 als "Lackmustest" dafür, ob Europa nationale Interessen zugunsten gemeinsamer Sicherheit zurückstellen könne. Diesen Test bestehen beide Seiten derzeit nicht.
Der Kampf um die Kanone
Auch auf industrieller Ebene blockieren Rivalitäten den Fortschritt. Bei der Säule 2 – Kanone, Turm, Munition – stehen sich Rheinmetall mit einer 130-mm-Kanone und KNDS mit dem 140-mm-Ascalon-Turm gegenüber.
Der Kompromiss vom April 2024: Jede Nation entwickelt zunächst ihr eigenes System, dann wird verglichen. Tests standen laut einem Statusupdate noch Ende August 2025 aus. Das Fachmagazin Europäische Sicherheit & Technik forderte bereits Ende 2023, MGCS "in seiner jetzigen Form zu begraben".
Längst treiben beide Seiten Alternativen voran. In Deutschland genehmigte das Bundeskartellamt eine Kooperation von KNDS Deutschland und Rheinmetall unter dem Projektnamen Leopard 3.
Rheinmetall erhielt zudem von Ungarn einen Entwicklungsauftrag über 288 Millionen Euro für den Panther KF51.
Und das MARTE-Projekt – ein von der EU mit 20 Millionen Euro gefördertes Programm für einen europäischen Kampfpanzer unter deutscher Führung mit elf Partnerländern – kommt bezeichnenderweise ohne Frankreich aus.
Zu spät für die Zeitenwende
Die Einführung des MGCS wird frühestens ab 2045 erwartet, der vollständige Abschluss erst für 2050. Beobachter halten diesen Zeitrahmen angesichts der aktuellen Bedrohungslage für illusorisch – alle kursierenden Zeitachsen für eine mögliche militärische Konfrontation in Europa liegen deutlich davor.
Ein vollständiger Lebenszyklus-Kostenplan liegt ebenfalls nicht vor. Zum Vergleich: Beim FCAS rechnen Studien damit, dass sich die Kosten über den Lebenszyklus von 100 Milliarden auf 1,1 bis 2 Billionen Euro vervielfachen.
Für die Panzertruppen der Bundeswehr könnte das stille Scheitern des MGCS in seiner Ursprungsform dennoch eine Chance sein. Deutschland hätte freie Hand, eigene Systeme voranzutreiben, ohne Rücksicht auf den zähen Ausgleich mit Paris.
Was als europäisches Vorzeigeprojekt strategischer Autonomie begann, endet vorläufig als Lehrstück darüber, dass gemeinsame Absichtserklärungen keine gemeinsamen Panzer bauen.