Klimaangst: Wer in Lagos mit der Angst vor dem Wasser ins Bett gehen muss

Wieder einmal hat in Nigeria eine Saison sintflutartiger Niederschläge und verheerenderer Überschwemmungen begonnen. Die Menschen erfasst permanente „Klimaangst“. Was ist darunter zu verstehen?

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Klimaangst: Wer in Lagos mit der Angst vor dem Wasser ins Bett gehen muss

Trübes Wasser riss zunächst eine Umzäunung nieder und schoss in den Hof, bevor es in alle Räume eindrang. Innerhalb weniger Minuten standen Küchengeräte, Möbel, Sessel und Stühle – Dokumente und Bildungsnachweise unter Wasser.

Als am Rand von Lagos, im Stadtteil Shogunle, alles überschwemmt wurde, brachte Daniel Ebiesua seine Frau, das zwei Wochen alte Kind, den vierjährigen Sohn und die Schwiegermutter in der Wohnung eines Nachbarn in Sicherheit. Dort saßen sie alle vier Stunden fest und mussten hilflos mit ansehen, wie die Flut die Straßen unter ihnen verschlang. Bis heute hält ein brauner Wasserrand an den Innenwänden des Hauses von Daniel Ebiesua fest, was passiert ist.

Klimaangst in Lagos: Wenn jede Regenwolke zur Bedrohung wird

In der Luft liegt ein Geruch von Fäulnis und Feuchtigkeit, während unbrauchbare Matratzen, zerbrochenes Mobiliar und zerstörte Elektronik draußen im Nieselregen vor sich hin dämmern. Für den Hausherren wiegen nicht nur die materiellen Schäden der Flut schwer, auch die psychischen Folgen tun es. „Jede dunkle Wolke wirkt jetzt wie eine Warnung, bei jedem Schauer wächst die Angst, dass es wieder passieren könnte.“

Angesichts immer häufigerer und verheerenderer Überschwemmungen in Nigeria – verursacht durch sintflutartige Regenfälle, verbunden mit einem steigenden Meeresspiegel und verstopften Abwasserkanälen – urteilen Experten, dass der Wiederaufbau des Zerstörten allein kaum Abhilfe schafft. Es blieben bohrende Ängste, viel Trauer und mentale Erschöpfung. Fachleute für die psychische Gesundheit von Menschen bezeichnen diese verborgene Last als eine der am wenigsten wahrgenommenen Auswirkungen des Klimawandels in Afrika.

„Wir beobachten, dass immer mehr Menschen unter einer Klimaangst leiden“, sagt Dr. Faith Aboloje, Expertin für die Verarbeitung von Traumata und Gründerin der Beratungsplattform „Safe Corner by Jevwe“. „Im Gegensatz zu gewöhnlichem Stress baut sich diese Angst durch die Erwartung neuer Umweltkatastrophen auf, wodurch die Betroffenen Gefangene einer steten Furcht sind. Bei manchen löst schon das Geräusch von Regen Panik aus. Es erinnert sie an das, was sie schon durchlebt haben.“

Faith Aboloje verwendet den Begriff der „ökologischen Trauer“. „Der Verlust des eigenen Zuhauses wirkt wie der Verlust von Identität. Das muss die zwischenmenschlichen Beziehungen beeinträchtigen und Gemeinschaften noch lange nach den Fluten emotional ausgelaugt zurücklassen.“

Wachträume zehren an den Nerven

In Okun Alfa, einem auf den Inseln in der Lagune von Lagos liegenden Dorf, lebt der 26-jährige Fahrer Joseph Moko ebenfalls mit der ständigen Gefahr von Überschwemmungen. „Wenn es nachts regnet, kann ich kaum schlafen, weil ich jederzeit damit rechnen muss, dass mein Bett unter Wasser steht“, sagt er. „Ich bin ständig wachsam, achte auf den Regen und bin darauf eingestellt, meine Sachen zusammenzupacken, bevor das Wasser ins Haus dringt. Man findet nie wirklich Ruhe, weil man nicht weiß, was die nächste Stunde bringt.“ Diese ständigen Wachträume zehrten an den Nerven. „Man zahlt Miete in der Hoffnung auf einen ruhigen Schlafplatz, doch stattdessen liegt man die ganze Nacht voller Sorge wach und fragt sich, welches Unheil eventuell heraufzieht. Das ist ein wirklich schreckliches Gefühl.“

Die Nigeria Hydrological Services Agency (Behörde für Hydrologie) hat vor einer erneut gefährlichen Hochwassersaison in diesem Jahr gewarnt; mehr als 14.000 Gemeinden seien einem hohen Risiko ausgesetzt, mindestens 15.000 einem mittleren. Hinter derartigen Prognosen stehen Familien, die für ihre Kinder ein neues Heim suchen, immer wieder ihre Häuser aufbauen, Kredite aufnehmen und von vorn beginnen müssen. Klimaaktivisten wie Jennifer Uchendu beschreiben eine weitere Folge dieses Verhängnisses, die als „allostatische Überlastung“ – chronischer Stress – bezeichnet wird.

„Ein Leben der ständigen Bedrohungen durch die Umwelt versetzt die Menschen in einen dauerhaften Alarmzustand. Dies erhöht das Risiko für Depressionen und verursacht Herzerkrankungen, Bluthochdruck und ein geschwächtes Immunsystem.“ Im Gegensatz zu einem Trauma verursache Klimastress einen schleichenden Anpassungszwang. Es sei oft schwer zu erkennen, wann der beginne, jeden Aspekt des täglichen Lebens zu beeinträchtigen.

In Abule Ogun (Bundesstaat Ogun) brachten die diesjährigen Regenfälle der Kleinbäuerin Glory Sunday viel Unglück. Ihre Mais- und Kürbis-Kulturen wurden vernichtet. „Nur ein paar Maispflanzen haben überlebt“, erzählt sie. „Alles andere konnte dem Wasser auf dem Feld nicht standhalten. Sollte das noch einmal passieren, überlebe ich einen solchen Tag nicht.“ Was sie meint, wird klar, wenn man sich vor Augen hält, dass die Überschwemmung jahrelange Arbeit und eine Ernte vernichtet, die vier Kinder ernähren sollte. „Wäre das nicht geschehen, hätten wir mit der Kürbis-Ernte etwa 500.000 Naira (320 Euro) verdienen können. So haben wir nichts.“

In Lagos war Kenechukwu Okosa am letzten Juni-Sonntag in der Kirche. Auf dem Rückweg zu seiner „Cloudearth Farm“, einem Fischbetrieb, erhielt er einen Anruf, jemand schockierte ihn mit der Nachricht: „Alles ist weg, all deine Fische sind weg! Mach dich auf etwas gefasst!“ Okosa sagt, er hätte sich nie träumen lassen, dass eine Flut seinem Betrieb derart zusetzt. „Als ich auf das Gelände kam, sah ich einige meiner Fische umherschwimmen. Es war niederschmetternd. Mir schoss sofort in den Kopf, du hast keine andere Wahl, als den Betrieb einfach aufzugeben. Was bleibt einem sonst übrig, wenn an einem Tag fast 8.000 Fische verloren gehen?“

Durch den Verlust ihrer Existenzgrundlage würden in den Ruin getriebene Familien zu Kostgängern der Wohlfahrt, meint Arjun Jain, Vertreter des UN-Flüchtlingshilfswerks in Nigeria. Sie könnten der drängenden Frage – wie wollen wir überleben – nicht ausweichen. Das löse schwere Traumata aus. „Wenn die Vertreibung aus dem bisherigen Lebensumfeld hinzu kommt, wird das zur Strafe, die verzweifeln lässt.“ Arjun Jain räumt ein, dass solche Schicksalsschläge kaum durch starke Familien- und Gemeinschaftsnetzwerke aufgefangen würden. „Man sieht jemanden, der vor den Fluten flieht, doch eigentlich fliehen diese Menschen vor weit mehr und tragen weit mehr mit sich als nur die Kleidung, die sie am Leib tragen.“

Angst vor Fröschen und Schlangen

In Ort Sogunle konnte sich Solomon Kehinde nach der Überflutung seines Hauses kein Hotelzimmer leisten; er kam daher gemeinsam mit seiner Familie vorübergehend bei einem Freund unter. Obwohl das Wasser inzwischen zurückgegangen ist, kann Kehinde aufgrund des erlittenen Schocks nicht mehr in seinem Haus schlafen. „Ich habe Angst vor Fröschen und Schlangen. Die Flut könnte sie in mein Haus geschwemmt haben.“

Seit Jahrzehnten besteht in Nigeria eine erhebliche Versorgungslücke bei psychischen Erkrankungen; für mehr als 220 Millionen Menschen stehen nur wenige Psychiater, Psychologen und psychiatrische Sozialarbeiter zur Verfügung. Die entsprechenden Angebote konzentrieren sich vorwiegend auf Krankenhäuser in städtischen Gegenden, was die Landbevölkerung vollkommen ausklammert. Betroffene sind auf die Unterstützung von Angehörigen, Nachbarn und Kirchengemeinden angewiesen.

Humanitäre Hilfe besteht zumeist in einer Unterkunft, in Verpflegung und medizinischer Grundversorgung, während die grassierende Klimaangst oft vernachlässigt wird. Professor Godson Ana vom Institut für Umweltgesundheit der Universität Ibadan führt Solomon Kehindes Ängste auf eine natürliche psychologische Reaktion zurück. „Wenn Menschen aus ihrem Zuhause vertrieben werden, beeinträchtigt dies ihr psychisches Wohlbefinden massiv und gefährdet ihr Überleben, da ihre sozialen Aktivitäten zum Erliegen kommen.“

Valentine Benjamin ist ein nigerianischer Journalist und Filmemacher