WM 2026: Warum spielen in der argentinischen Nationalmannschaft keine schwarzen Spieler?

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WM 2026: Warum spielen in der argentinischen Nationalmannschaft keine schwarzen Spieler?

Rassismus? Darum gibt es in der argentinischen Nationalmannschaft keine Schwarzen Spieler

Stand: 18.07.2026, 20:19 Uhr

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Argentinien steht erneut im WM‑Finale. Beim Blick auf den Kader fällt auf: Es ist der wenigen ohne Schwarze Spieler. Warum ist das so?

New York – 19. Juli 2026. New York. MetLife Stadium. Argentinien trifft im größten Sportereignis der Welt auf Spanien. Die Albiceleste hat es also wieder geschafft. Dreieinhalb Jahre nach dem Triumph in Katar steht die Mannschaft um Superstar Lionel Messi erneut im WM-Finale. Die Bilder des Mannschaftsfotos vor dem Spiel am Sonntag werden – ungeachtet des Ausgangs – um die Welt gehen.

Das Mannschaftsfoto der argentinischen Nationalmannschaft im WM-Halbfinale gegen England.

Das Mannschaftsfoto der argentinischen Nationalmannschaft im WM-Halbfinale gegen England. © picture alliance/dpa | Tom Weller

Und wie in Katar auch schon, wird bei Google, sobald Bilder der argentinischen Fußballnationalmannschaft im Fernsehen zu sehen sind, eine Suchanfrage in die Höhe schießen: „Warum spielt kein Schwarzer für die argentinische Nationalmannschaft?“ Tatsächlich ist Argentinien eine der 48 Nationen bei dieser WM, die keinen Schwarzen Spieler im Kader hat. Aber warum ist das so?

Scaloni setzt in der argentinischen Nationalmannschaft bei der WM auf die Werte der „Indios“

Um das zu verstehen, muss man tief in die Geschichte Argentiniens eintauchen. Das Land am Südzipfel des südamerikanischen Kontinents hat sich nämlich schon nach der Unabhängigkeit von Spanien im 19. Jahrhundert bewusst als europäische Nation neu entworfen – politisch, kulturell und auch demografisch. Benjamin Loy, Professor für lateinamerikanische Literaturen und Kulturen an der LMU München, erklärt exklusiv gegenüber Absolut Fussball: „Das Bild eines ‚europäischen Argentiniens‘ war immer auch ein politisch erzeugtes nationales Ideal.“

„Die wichtigsten argentinischen Politiker der Zeit orientierten sich am Ideal der französischen liberalen Republik“, sagt Loy – was zugleich mit einer Abwertung jener Bevölkerungsgruppen einherging, die für dieses Projekt aus kulturellen oder „rassischen“ Gründen angeblich nicht geeignet waren. Einwanderer aus Spanien und Italien kamen hingegen als Idealeinwanderer – und prägen bis heute den Phänotyp Argentiniens. Das Land nennt sich selbst stolz „Nation von den Schiffen“. Die Verfassung schreibt dieses Erbe bis heute fest.

Argentinien führte zudem im 19. Jahrhundert „brutale Ausrottungskriege gegen die indigene Bevölkerung auf dem eigenen Territorium“, erklärt Loy. Forschende sprechen bis heute von „internem Kolonialismus“. Gleichzeitig entstand, was der Professor für lateinamerikanische Kulturen ein „kulturelles Imaginäres von Weißsein“ nennt: Selbst Menschen mit indigenen oder gemischten Wurzeln bezeichneten sich als „weiß“ – um politische Vorteile oder soziales Prestige zu gewinnen. „Obwohl bedeutende Teile der Bevölkerung mestizisch waren, also eine Mischung von indigenen und europäischen Ethnien, beförderte die Politik des Staates die Tendenz, dass sich auch solche Personen häufig als ‚weiß‘ bezeichneten“, erklärt Loy.

Eine genetische Regionalstudie ermittelte in der argentinischen Bevölkerung allerdings durchschnittlich 65 Prozent europäische, 31 Prozent indigene und 4 Prozent afrikanische Abstammungsanteile. Im Zensus 2022 hingegen bezeichneten sich gerade einmal 0,7 Prozent als afrodescendiente. Für Loy ist das nur logisch und das Ergebnis der jahrelangen Politik: „Abstammung und soziale Selbstidentifikation messen Verschiedenes.“ Das Bild vom homogenen, europäischen Argentinien war politisch gewollt – und ist bis heute tief in der Gesellschaft verankert.

Prof. Dr. phil. Benjamin Loy

Benjamin Loy ist Professor für lateinamerikanische Literaturen und Kulturen an der Ludwig-Maximilians-Universität München und beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, wie kollektive Erzählungen und Selbstbilder in lateinamerikanischen Gesellschaften funktionieren. 

Noch in den 1830er-Jahren stellten Menschen afrikanischer Herkunft rund ein Viertel der Bevölkerung Buenos Aires‘. Ihr Rückgang lässt sich laut Loy nicht durch ein einzelnes Ereignis erklären: „Neuere demografische Forschung erklärt ihren Rückgang nicht durch eine einzige gezielte Vernichtung, sondern durch tatsächlich höhere Sterblichkeit und militärische Verluste, Migration in andere Regionen Südamerikas, ungünstige Lebensbedingungen, Vermischung sowie vor allem die massive europäische Einwanderung.“ Hinzu kam: Argentinien schaffte die Sklaverei bereits 1853 ab – deutlich früher als zum Beispiel Brasilien – und bremste damit den transatlantischen Sklavenhandel in die Region früh.

Es gibt also erklärbare Gründe, warum in der argentinischen Nationalmannschaft derzeit keine Spieler aus der afroargentinischen Bevölkerung stehen. Loy stellt aber klar: „Nur weil aktuell keine Schwarzen in der Albiceleste spielen, heißt das nicht, dass die Mannschaft im Umkehrschluss ‚weiß‘ ist.“

Argentinien hatte in der Vergangenheit durchaus Spieler mit afrikanischen Wurzeln, etwa Alejandro de los Santos oder Hector Baley. Einen Beleg für gezielte ethnische Auslese in der Albiceleste gibt es nicht: „Strukturelle Nachteile können vielmehr durch Armut, regionale Unterschiede und den ungleichen Zugang zu professionellen Nachwuchsstrukturen entstehen. Argentinien ist kein Land, das mehr oder weniger rassistisch wäre als andere Länder in Südamerika.“

Absolut hautnah. Absolut fundiert: Absolut Fussball berichtet für euch von der WM 2026. Unsere Reporter sind in Amerika vor Ort und versorgen euch mit News, Videos und exklusiven Einblicken.

Absolut hautnah. Absolut fundiert: Absolut Fussball berichtet für euch von der WM 2026. Unsere Reporter sind in Amerika vor Ort und versorgen euch mit News, Videos und exklusiven Einblicken. © Absolut Fussball

Nach dem Sieg gegen England im WM-Halbfinale sagte Trainer Lionel Scaloni zudem einen Satz, der den Charakter der Albiceleste viel eher beschreibt: „Ich weiß, wie sie sind, sie sind Indios im besten Sinne des Wortes: Aufgewachsen in Umgebungen, in denen sie gelernt haben, vor nichts Angst zu haben.“ Scaloni deutet den Begriff „indio“ demnach positiv: Nicht die ethnische Zuschreibung, sondern die Werte stehen im Vordergrund. „Ein würdiger Spieler Argentiniens ist einer, der bis zum Schluss kämpft, egal woher er kommt“, schlussfolgert Loy aus den Aussagen Scalonis.

Dass der argentinische Nationaltrainer jedoch auf die soziale Herkunft seiner Spieler anspielt, ist vielsagend. „Tatsächlich repräsentiert die argentinische Nationalmannschaft die Gesellschaft sehr gut, aber weniger in einem ‚ethnischen‘ Sinne als vielmehr durch die Tatsache, dass die meisten ihrer Spieler aus der Mittel- oder Unterschicht stammen und ihre Karrieren bei ‚clubes de barrio‘, also kleinen Stadtteil-Vereinen, begonnen haben. Wenn die Argentinier also etwas auszeichnet, dann dieser Aufstiegs- und Kampfeswille, der mit der eigenen Aufstiegsbiografie zu tun hat, aber nicht mit irgendwelchen ethnischen Kategorien“, sagt Loy.

Der historische Rassismus ist in Argentinien bis heute nicht gesellschaftlich geklärt

Lange war Rassismus in Argentinien ein eher tabuisiertes Thema. „Der verbreitete Satz, in Argentinien gebe es ‚keine Schwarzen‘, erlaubte es, Rassismus zu leugnen und ethnische Ausgrenzung stattdessen als Klassen- oder Herkunftsfrage zu behandeln“, sagt Loy. Seit den 2000er-Jahren stellen afroargentinische Organisationen, Wissenschaft und staatliche Programme diese Erzählung zunehmend infrage. Doch vollständig aufgearbeitet ist sie nicht – im Gegenteil: Präsident Javier Milei befeuert das alte Selbstbild aktiv wieder.

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Wer die Frage nach afroargentinischen Spielern in der Albiceleste allerdings mit europäischen Kategorien beantwortet, macht ohnehin einen grundlegenden Fehler. In Argentinien und Südamerika funktionieren ethnische Begriffe anders. Als Uruguays Stürmer Edinson Cavani einen Freund nach einem Spiel liebevoll „negrito“ nannte – in Lateinamerika ein völlig üblicher Kosename –, sperrte ihn die Premier League wegen angeblicher Rassendiskriminierung.

Loy nennt das ein warnendes Beispiel dafür, „wohin solche Unkenntnis von Begriffen und Konzepten führen kann“. Die Frage, warum keine Schwarzen Spieler für Argentinien spielen, ist vielschichtig. Mit Rassismus innerhalb der Albiceleste hat sie aber nichts zu tun. Für die Geschichte Argentiniens gilt das – wie auf der ganzen Welt – nicht. (kk)