Wälle bei Dahschur: Rätsel um Pyramidenstrukturen erhält neue Deutung

Die Rote Pyramide im historischen Komplex von Dahschur (Bild: Raffaella Galvani/Shutterstock.com) Zwei mehrere hundert Meter lange Strukturen westlich der Roten Pyramid...

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Wälle bei Dahschur: Rätsel um Pyramidenstrukturen erhält neue Deutung
Eine Pyramide

Die Rote Pyramide im historischen Komplex von Dahschur

(Bild: Raffaella Galvani/Shutterstock.com)

Zwei mehrere hundert Meter lange Strukturen westlich der Roten Pyramide galten lange als Transportwege für den Pyramidenbau. Eine neue Studie deutet sie anders.

Zwei seit über einem Jahrhundert bekannte, langgestreckte Bauwerke unweit der Roten Pyramide bei Dahschur in Ägypten könnten nach einer neuen Untersuchung nicht wie angenommen als Transportrampen für den Pyramidenbau gedient haben, sondern Teil eines Systems zur Wasserregulierung gewesen sein.

Zu diesem Schluss kommt eine Studie von französischen und ägyptischen Ingenieuren, Hydrologen und Bauforschern, die am 20. Juli vorab in der Fachzeitschrift npj Heritage Science erschienen ist.

Nach Angaben der Autoren zeigen die beiden jeweils 600 bis 700 Meter langen und an den Talflanken verankerten Strukturen die "technische Signatur" von Dämmen. Zusammen mit einem mutmaßlichen Umleitungskanal westlich der Roten Pyramide könnten sie ein Wasserbauwerk gebildet haben, das rund 4.600 Jahre alt wäre.

Die Bauwerke liegen quer über dem Wadi Dahschur – einem trockenen Tal, das in feuchteren Klimaphasen zeitweise Wasser geführt haben könnte. Das Gelände befindet sich auf der Dahschur-Hochebene am Westufer des Nils, etwa 30 Kilometer südlich von Kairo, zwischen der Nilaue und der Westlichen Wüste.

Die Rote Pyramide wurde unter König Snofru in der frühen 4. Dynastie des Alten Reiches errichtet und gilt als erste erfolgreiche "echte" Pyramide Ägyptens; Snofru ließ dort zuvor auch die Knickpyramide bauen.

Vom Transportweg zum Wasserbauwerk

Die beiden Strukturen sind schon lange bekannt: Sie erscheinen bereits auf den Karten von Erbkam (1843), Lepsius (1855) und Jacques de Morgan (1897), 1925 fotografierte die britische Royal Air Force sie aus der Luft.

1947 deutete sie die Archäologin Leslie Grinsel als zwei Dammwege von den Kalksteinbrüchen westlich der Roten Pyramide zu deren Südwestecke. 1981 sah Dieter Arnold in ihnen mögliche Transportstraßen für das Kernmaterial der Pyramide, schloss eine Nutzung als Rampen jedoch aus – ein Punkt, der von Rainer Stadelmann diskutiert wurde. In der Arbeit von Bebermeier und Kollegen wurde die östliche Struktur als Transportrampe gedeutet, die westliche dagegen als natürliche Erhebung kartiert.

Luftaufnahme einer Pyramide in Schwarz-Weiß

Die Dämme auf einem Bild der Royal Airforce von 1925

(Bild: © UCL Institute of Archaeology.)

Das Forscherteam um die Autoren Landreau, Piton und Hemeda hält dem entgegen, dass beide Strukturen quer zum Tal verlaufen und in die Hänge eingebunden sind – ähnlich wie Erddämme. Die Querschnitte seien trapezförmig, die Basisbreite liege bei 15 bis 30 Metern, die noch erhaltene Höhe stellenweise bei sechs bis sieben Metern über dem heutigen, mit Sand gefüllten Talboden. Die genauen Maße bleiben unsicher, weil die Strukturen unter einer dicken Schicht windverwehten Sandes (äolischer Sand) begraben sind.

Nach der Interpretation der Autoren diente das östliche Bauwerk als eigentlicher Rückhaltedamm. Das westliche Bauwerk könnte als sogenannte Geschiebesperre funktioniert haben, als ein Damm, der Sediment zurückhält und den Wasserfluss reguliert.

Der Raum zwischen beiden Strukturen bildete demnach ein Zwischenbecken, das Hochwasser bremste und Erosion verringerte. Die Autoren schätzen dessen Volumen auf knapp 230.000 Kubikmeter bei einer Fläche von rund 8,5 Hektar und einer mittleren Tiefe von 2,7 Metern; das tatsächliche Volumen könnte etwa doppelt so hoch sein.

Ein Entenschnabelwehr aus dem Alten Reich?

Als auffälligstes Merkmal beschreiben die Forscher eine zickzackförmige Achse im westlichen Bauwerk. Auf einer Straße oder Rampe ergebe eine solche Form keinen Sinn, wohl aber an einem Wehr: Die Autoren deuten sie als "Entenschnabelwehr" mit einer Kronenlänge von etwa 200 Metern, einer Höhe von mindestens vier Metern und einem Öffnungswinkel von 70 bis 75 Grad.

Solche Wehre werden im modernen Wasserbau eingesetzt, weil sie die wirksame Länge einer Überlaufschwelle verlängern. Dadurch kann bei gleicher Talbreite deutlich mehr Wasser gefahrlos abfließen als bei einem geraden Wehr – ein Schutz gegen das Überströmen und Brechen des Damms.

Nach Angaben der Autoren ist bislang kein gesichertes Entenschnabelwehr aus dem alten Ägypten bekannt. Sollte sich die Deutung archäologisch bestätigen, wäre die Struktur ein ungewöhnlich frühes Beispiel dieser Bauform. Vergleichbare, teils jüngere Anlagen kennt man aus Jawa in Jordanien (ca. 3500–3000 v. Chr.), aus Choiromandres auf Kreta, von urartäischen Stauanlagen in Ostanatolien sowie aus Zentralindien und China.

Die Autoren verweisen auf den Sadd el-Kafara im Wadi Garawi, rund 20 Kilometer östlich von Dahschur – oft als einer der ältesten großen Dämme der Welt bezeichnet und meist Snofrus Regierungszeit zugeordnet. Der über 14 Meter hohe Damm brach bei einem starken Hochwasser, was häufig auf ein fehlendes oder zu kleines Wehr zurückgeführt wird. Ein Entenschnabelwehr könnte demnach eine Reaktion auf genau diese Schwäche früherer Anlagen gewesen sein.

Der Kanal nahe der Pyramide

Die Studie identifiziert zudem einen möglichen Umleitungskanal. Nach de Morgans Karte und späteren topografischen Aufnahmen verläuft eine gerade Wand über etwa 600 bis 800 Meter parallel zur Westseite der Roten Pyramide, biegt dann scharf nach Osten ab und führt dabei bis auf 40 bis 50 Meter an das Bauwerk heran.

Topographische Karte der Umgebung der Roten Pyramide

Topographische Karte der vermuteten hydraulischen Anlagen

(Bild: © UCL Institute of Archaeology/Landreau, et al.)

Insgesamt sei der Kanal rund einen Kilometer lang und schließe an ein altes Wadibett an, das mit dem inzwischen verlandeten Ahramat-Nilarm verbunden ist – jenem Seitenarm, den Ghoneim und Kollegen 2024 als Ursprung der Pyramidenkette beschrieben.

Die Nähe des Kanals zur Pyramide wirft nach Ansicht der Autoren die Frage auf, ob Wasser eine direkte Rolle beim Bau gespielt haben könnte. Bei stabilem Wasserstand hätten leichte Boote oder wasserunterstützte Schlitten schwere Lasten über flaches Gelände bewegen können.

Zudem hätte kontrolliertes Wasser die Versorgung der Arbeiter, das Anrühren von Mörtel oder die Staubbindung erleichtert. Vergleichbare Hafen- und Kanalsysteme sind aus Giza dokumentiert; Papyri aus Wadi el-Jarf beschreiben zudem den Transport von Kalkstein per Boot unter Cheops. Ein archäologischer Nachweis der Verbindung zwischen Kanal und Pyramidenbau steht laut Studie jedoch aus.

Woher das Wasser kam

Grundlage der These ist ein Bild vom Klima des Alten Reiches, das deutlich feuchter war als die heutige extreme Trockenheit. Während der "Grünen Sahara" vor 11.000 bis 5.000 Jahren lagen die Jahresniederschläge nach den zitierten Rekonstruktionen (Kuper und Kröpelin sowie Chandan und Peltier) örtlich bei über 150, teils bei etwa 250 Millimetern.

Um 4.500 Jahre vor der heutigen Zeit nahm der Regen zwar ab, doch fielen in Teilen Ägyptens weiterhin 50 bis 150 Millimeter jährlich, vor allem im Winter. Seltene, aber heftige Stürme konnten bis zu 50 Millimeter auf einmal bringen und in den Wadis Sturzfluten auslösen. Während normalerweise nur ein bis drei Prozent des Regens abflossen, könne der Abflussbeiwert bei Sturzfluten auf bis zu 30 Prozent steigen.

Für die Wassermenge ist die Einzugsgebietsanalyse zentral. Das Wadi Dahschur besitzt am Standort der Dämme nur ein Einzugsgebiet von 3,2 Quadratkilometern. Die Autoren argumentieren jedoch, dass über einen entlang der 80-Meter-Höhenlinie geführten Kanal Wasser aus dem benachbarten, rund 416 Quadratkilometer großen Wadi Taflah abgeleitet werden könnte.

Eine Sturzflut aus 50 Millimeter Regen bei 30 Prozent Abfluss ergäbe demnach etwa 50.000 Kubikmeter aus dem Wadi Dahschur, aber über sechs Millionen Kubikmeter aus dem Wadi Taflah. Ein Entenschnabelwehr könnte selbst einen abgeleiteten Teilstrom sicher abführen, ein gerades Wehr würde nach diesen Rechnungen überströmt.

Grabungen stehen aus

Die Autoren betonen ausdrücklich, dass ihre Deutung vorläufig ist. Die Strukturen wurden nie ausgegraben, sie liegen weitgehend in einer militärischen Sperrzone und sind schwer zugänglich. Rohrleitung, Zaun und eine 2009 gebaute Asphaltstraße für Touristenbusse verlaufen direkt über ihnen.

Das absolute Alter der Dämme ist unbekannt, sodass offen bleibt, ob sie zeitgleich mit der Roten Pyramide entstanden. Auch die auffällige zentrale Vertiefung im östlichen Damm – möglicher Auslass, eingestürzter Abschnitt oder Erosionsbruch – lasse sich nur durch Grabungen klären.

Künftige Ausgrabungen sollen daher prüfen, ob die Ablagerungen hinter den Bauwerken von fließendem Wasser statt von Flugsand stammen, und datierbares Material sowie Schutzverkleidungen und Wehrstrukturen freilegen.

Bestätige sich die Deutung, so die Autoren, hätte das Wassermanagement jenseits der Nilaue im Alten Reich eine größere Rolle gespielt als bislang angenommen. Weitere Anlagen lägen vermutlich unerkannt in der Wüste, "die darauf warten, als solche identifiziert zu werden".