Warum die Beziehung zur Schwiegermutter so viel besser sein kann, als ihr Ruf
Schwiegermutter und Schwiegertochter: Wie aus anfänglicher Skepsis eine enge Familienbeziehung wurde.Ich erinnere mich an den Tag unseres Kennenlernens, als wäre es gestern gewesen. Sie wartete, rauchend, vor e...
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Schwiegermutter und Schwiegertochter: Wie aus anfänglicher Skepsis eine enge Familienbeziehung wurde.
Ich erinnere mich an den Tag unseres Kennenlernens, als wäre es gestern gewesen. Sie wartete, rauchend, vor einem türkischen Grillrestaurant in Berlin-Kreuzberg. Auch ich hätte mir in diesem Moment gern eine Zigarette angezündet, entschied mich aber dagegen, um nicht direkt schon eines meiner Laster offenzulegen. Ich merkte meinem Freund, heute Ehemann, die Spannung an. Verständlich, denn noch nie zuvor hatte er seiner Mutter eine Freundin vorgestellt. Er lief schneller als sonst, wie ein Komet, der auf den letzten Metern bis zum unvermeidbaren Aufprall an Geschwindigkeit aufnimmt. Von Weitem konnte ich ihren ernsten Blick sehen; auch sie schien nervös, vielleicht sogar etwas misstrauisch. Heute weiß ich, welche Emotion sich in ihren Gesichtszügen widerspiegelte: Besorgnis. Sie gestand mir später, dass sie große Angst davor hatte, dass wir uns nicht verstehen würden, wortwörtlich und menschlich. Andere Sprache, andere Kultur, anderer Glaube, andere Lebensentwürfe. Wie würden wir, die zwei wichtigsten Frauen im Leben eines Mannes, die aber so unterschiedlich waren, einen gemeinsamen Nenner finden?
Das Kennenlernen der Schwiegermutter: Zwischen Besorgnis und Nervosität
Als wir das Lokal einige Stunden später wieder verließen, konnte ich nicht einschätzen, wie das Treffen gelaufen war. Hatte ich einen guten ersten Eindruck hinterlassen? Schließlich gibt es für diesen ja keine zweite Chance. Mochte sie mich? Schon am nächsten Tag lud sie mich zum Sonntagsfrühstück zu ihr nach Hause ein, was in türkischen Kreisen so viel bedeutet wie: Willkommen in der Familie, du gehörst jetzt zu uns. Meine Schwiegermutter ist eine Frau, die mit ihren heute 53 Jahren schon mehrere Leben gelebt und etliche Hürden überstanden hat. Als jüngste Tochter von sechs Kindern wuchs sie in einem abgeschiedenen Dorf in der Provinz Bayburt im Nordosten der Türkei auf. Wobei, richtig wäre: als zweitjüngste. Was ihre Mutter während der Schwangerschaft nicht wusste, war, dass da zwei Babys in ihrem Bauch heranwuchsen. In dem Ort, in dem sie lebten, gab es keinen Arzt, kein Krankenhaus, nicht einmal Strom. Sie kam also 1973 als Erstes zur Welt, ihre Zwillingsschwester folgte.
1984 zog meine Schwiegermutter mit ihrer Familie nach Istanbul und erlebte einen kompletten Kulturschock. Noch nie hatte sie eine derart große Stadt gesehen, mit so vielen Menschen, Lichtern und Strom in jedem Haushalt. Im Alter von 16 Jahren – der nächste Kulturschock – betrat sie das erste Mal ein Flugzeug und kam mit ihrem damaligen Ehemann nach Berlin, um hier zu leben, ganz ohne familiären Halt, Anknüpfungspunkte oder Sprachkenntnisse. Oft fühlte sie sich einsam, fehl am Platz, doch sie boxte sich mit den wenigen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln durch. In Berlin brachte sie 1990 ihren ersten Sohn zur Welt, drei Jahre später ihren zweiten. Als beide im jungen Teenageralter waren, ließ sie sich scheiden, doch schon lange davor war sie der einzige präsente Elternteil im Haushalt. Nun war sie also auch ganz offiziell alleinerziehend – und in vielerlei Hinsicht emanzipiert.
Alleinerziehend mit zwei Söhnen, weit weg vom Heimatland: Meine Schwiegermutter ließ sich niemals unterkriegen
Fragt man ihre Söhne, hat es beiden nie an irgendetwas gefehlt, weder erzieherisch noch materiell. Bis heute können sie es sich nicht erklären, wie ihre Mutter das alles allein geschafft hat. Wenn ich ihr dieselbe Frage stelle, antwortet sie meistens, dass sie es ja irgendwie schaffen musste. Es blieb ihr gar nichts anderes übrig. Ich durfte lernen, dass sie und andere türkische Frauen extrem erfinderisch sind, sich selten unterkriegen lassen und immer eine Lösung haben. Ist zum Beispiel das Geld etwas knapp, gründen sie unter sich kleine Finanzgemeinschaften. Jede Woche kommt eine vorbestimmte Summe in einen Pott, der abwechselnd einer Person zugutekommt und womit notwendige Zahlungen oder Besorgungen getätigt werden können. Eine weitere Sache, die ich sowohl von meiner türkischen Schwiegermutter als auch meiner eigenen Mutter gelernt habe: Einen Partner zu haben, ist schön, aber nichts ist wichtiger als die eigene Unabhängigkeit.
Seit wir uns kennen, hat sie sich stets bemüht, dass ich mich zugehörig fühle. Unsere ersten Bonding-Momente etwa fanden in der Küche statt, wo ich meiner Schwiegermutter dabei zusah, wie sie Teig für Mantı und Gözleme knetete, Auberginen in Öl anbriet, Gewürze in die Linsensuppe mischte. Das tue ich bis heute – und wie von Beginn an aus wirklichem Interesse, nicht nur aus Höflichkeit. "Muss lernen", sagt sie dann zu mir, mehr als liebevolle Ermutigung statt als autoritäre Aufforderung (egal wie sehr ich mich anstrenge, es schmeckt nie wie bei ihr). Überhaupt ist Essen ein wahnsinnig gutes verbindendes Element. Ab dem Moment, als meine Schwiegermutter erfuhr, dass ich kein Fleisch esse, wurde jedes Gericht ohne Wenn und Aber auch in einer vegetarischen Variante zubereitet. Das müsste sie eigentlich gar nicht, die Beilagen sind ohnehin meist fleischlos, doch es war ihre Art, mir ihre Zuneigung zu zeigen.
Darauf achten, was der anderen wichtig ist: Der Schlüssel unserer guten Beziehung
Unsere gute Beziehung liegt mit Sicherheit auch daran, dass wir immer darauf geachtet haben, was für die jeweils andere wichtig ist, und das nicht nur zu akzeptieren, sondern uns aktiv zu beteiligen. Konkret heißt dies für mich etwa, bei wichtigen Familienfesten wie dem Zuckerfest und Hochzeiten von engen Verwandten anwesend zu sein. Wenn sie mit ihrem Chor ein Konzert gibt, bin ich im Publikum, egal wie lange es dauert und ob ich mehr als die Hälfte der Songtexte nicht verstehe. Für mich wiederum kommt sie auch an regnerischen Sonntagen zum Flohmarkt, weil ich mal wieder entschieden habe, meinen halben Kleiderschrank zu verkaufen, und bringt mir heißen Kaffee und frischen Simit mit. Man sagt türkischen Schwiegermüttern nach, sehr streng zu den Freundinnen ihrer Söhne zu sein. Ich kenne Geschichten von Frauen, die heimlich Türkisch lernten, weil sie vermuteten, dass die Mutter über sie lästere.
Grundsätzlich wird die Beziehung zwischen Mutter und Sohn kulturell als etwas besonders Emotionales porträtiert, nicht zuletzt in der Horrorstory des "Schwiegermonsters" aus dem gleichnamigen Film mit Jane Fonda und Jennifer Lopez. Meine hat mir nie das Gefühl gegeben, nicht gut genug für ihren Sohn zu sein. Bei belanglosen Streitigkeiten zwischen meinem Mann und mir hält sie, aus feministischem Prinzip oder persönlicher Überzeugung, zu mir. Sie nennt mich "kızım", mein Mädchen, und ich nenne sie "Ismigül anne", also „Mama Ismigül", weil sie das türkische Wort für Schwiegermutter abscheulich findet. Wenn sie mit anderen über mich spricht, betont sie, wie stolz sie auf mich ist. Warum genau, ist mir unklar. Als ich sie mal danach fragte, sagte sie: "Bilmiyorum, ich weiß es nicht. Ich bin es einfach." Am Telefon mit der Verwandtschaft gibt sie gern mit mir an, etwa dann, wenn ich ein neues Wort gelernt und korrekt benutzt habe. Jedes Mal lobt sie mich, als hätte ich gerade ein ganzes Gedicht auswendig aufgesagt.
Ich würde meine Schwiegermutter als moderne Frau bezeichnen. Sie ist an Mode interessiert und mag es, sich für besondere Anlässe so richtig aufzubrezeln. Sie hat immer manikürte Nägel und frisch blondierte Haare. Sie erzählt mir von ihren Baby-Botox-Behandlungen und ich ihr von meinen. Sie ist aber gleichzeitig eine Frau mit traditionellen türkischen Wertvorstellungen. Ich vermute, dass sie trauriger und enttäuschter war, als sie es heute zugeben würde, als ich vor unserer Hochzeit keinen Henna-Abend wollte; eine Abschiedsfeier unter Frauen, bei der die Braut von Familienmitgliedern und Freund:innen gefeiert wird. Das Konzept finde ich zwar grundsätzlich nicht verkehrt, doch es passte einfach nicht zu mir. Andererseits lebten mein Mann und ich schon Jahre vor unserer Hochzeit zusammen in einer Wohnung – oftmals noch ein No-Go in der türkischen Kultur. Falls das für sie jemals ein Problem war, hat sie es mir gegenüber jedenfalls nie geäußert. Ich muss in einem anderen Leben irgendetwas richtig gemacht haben, denn in diesem wurde ich doppelt belohnt: mit einer wundervollen Mutter und einer ebenso wundervollen Schwiegermutter. Ich habe das Glück, von zwei Frauen zu lernen, wie man Stärke zeigt und Schwäche zulässt. Beide sind Frauen der absoluten Hingabe, nichts scheint jemals zu viel verlangt. Das stimmt natürlich nicht, doch das Gegenteil behaupten würden sie nie. Sie lehren mich, wie man ein guter Mensch ist, weltoffen, respektvoll, tolerant, voller Empathie. Meine Schwiegermutter hat mir trotz anfänglicher Unsicherheiten ihr Zuhause und ihr Herz geöffnet. Das erfordert Mut. Deshalb will ich ihr hiermit danken: Teşekkür ederim annem. Danke für alles.
Autorin Kelly Niesen (r.) mit ihrer Schwiegermutter.
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