Stauseen auf Rekordtief: Warum die Schweizer Stromversorgung trotzdem gesichert ist
Die Schweizer Speicherseen sind so leer wie seit 20 Jahren nicht mehr. Weniger Wasser bedeutet weniger Strom. Eine Gefahr für die Versorgungssicherheit besteht derzeit aber noch nicht.
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Darum gehts
- Die Stauseen in der Schweiz, die zur Stromproduktion genutzt werden, führen derzeit aussergewöhnlich wenig Wasser.
- Weil die Gletscher schmelzen, dürfte sich die Situation in den kommenden Jahren und Jahrzehnten noch zuspitzen.
- Noch ist die Stromversorgung aber gewährleistet, versichert der Bund.
Was ist passiert?
Die Schweizer Speicherseen sind so leer wie seit 20 Jahren nicht mehr, wie SRF am Donnerstag berichtete. Gemäss den aktuellen Zahlen des Bundes liegt der Füllstand bei 46 Prozent. «Die Füllstände der Stauseen sind in der Schweiz, aber auch im ganzen Alpenraum sowie in den nordischen Ländern auf einem sehr tiefen Niveau», bestätigt auch Bianca Landert, Mediensprecherin des Energiekonzerns Axpo, gegenüber 20 Minuten.
Wieso fehlt Wasser in den Seen?
Die tiefen Pegel sind laut Bundesamt für Energie eine Folge des schneearmen Winters und der aktuellen Trockenheit. Zwar schmelzen die Gletscher wegen der hohen Temperaturen derzeit verstärkt. Dieses zusätzliche Wasser reicht laut BFE aber nicht aus, um den Schneemangel und die geringen Niederschläge auszugleichen. Der Frühling 2026 gehörte im landesweiten Mittel zu den trockensten seit Messbeginn im Jahr 1864.
Wie gravierend ist die Situation?
Eine unmittelbare Strommangellage besteht derzeit nicht. Die Eidgenössische Elektrizitätskommission ElCom beurteilt die Versorgungslage als gewährleistet. Das Risiko eines physischen Versorgungsengpasses sei aktuell gering, hält auch das BFE fest.
Wie voll die Stauseen zu Beginn des kommenden Winters sein werden, hängt nach Angaben des Bundes vor allem vom Wetter bis Ende des Sommers ab. Speicherseen folgen zudem einem saisonalen Zyklus. «Im Frühling erreichen die Pegel einen Tiefststand, weil das Wasser den Winter hindurch für die Stromproduktion verwendet wurde», erklärt Landert von der Axpo. Im Sommer füllten sich die Seen wieder und erreichten im Herbst in der Regel ihren maximalen Füllstand.

In diesem Jahr füllten sich die Speicher allerdings langsamer als üblich. «Um dies auszugleichen, gibt es zwei Szenarien: Entweder es gibt mehr Niederschläge, oder die Stromproduktion wird eingeschränkt», sagt Landert.
Was bedeutet das für die Stromproduktion?
Je tiefer der Wasserstand ist, desto weniger Strom kann ein Speicherkraftwerk produzieren. «Je nach Anlage kann es bei sehr tiefen Pegeln zu einer vorübergehenden Stilllegung einzelner Aggregate oder des Kraftwerks kommen», sagt Landert. Entscheidend sei, dass keine Luft ins Treibwassersystem gelange und die Anlagen sicher betrieben werden könnten.
Besonders stark betroffen sind derzeit tiefer gelegene Seen. Bei einzelnen Kraftwerken sei die Produktion bereits reduziert worden, beispielsweise am Klöntalersee, teilt das BFE mit.
Wie schlimm wäre ein teilweiser Wegfall der Wasserkraft für die Schweizer Energieversorgung?
Andreas Jöckel, stellvertretender Leiter Marktüberwachung bei der Eidgenössischen Elektrizitätskommission ElCom, sagt gegenüber SRF: «Noch lässt sich nicht sagen, mit welchen Speicherständen wir in den Winter starten werden. Generell können die Speicherseen etwa 20 Prozent der Nachfrage im Winterhalbjahr decken, sodass es nicht entscheidend ist, wenn die Speicherseen nicht ganz gefüllt werden.»

Entscheidend ist zudem nicht allein der Füllstand der Speicherseen. Laut BFE hängt die Versorgungssicherheit auch von den übrigen Schweizer Kraftwerken, den Importmöglichkeiten und der Kraftwerksverfügbarkeit im europäischen Ausland ab. Einen einzelnen Füllstand, ab dem die Lage automatisch kritisch wird, gibt es deshalb nicht.
Drohen die Speicherseen auszutrocknen?
Dass grosse Schweizer Speicherseen vollständig austrocknen, ist derzeit ein unwahrscheinliches Szenario. Bereits vorher würden die Betreiber die Stromproduktion reduzieren. Realistischer ist, dass einzelne Seen bis im Herbst nicht vollständig gefüllt werden und im Winter weniger Strom liefern können.
Laut Matthias Huss, Leiter des Schweizerischen Gletschermessnetzes der ETH Zürich, sieht es in Zukunft problematischer aus. Derzeit würden einige Stauseen noch von Gletschern gespiesen, die im Sommer stark schmelzen. «Mit jedem warmen Sommer verlieren wir gespeichertes Wasser, das in Zukunft nicht mehr genutzt werden kann», sagt er gegenüber SRF. Die Speicherseen werden also in Zukunft viel stärker von Niederschlägen abhängig sein.
«Selbst in einem extrem trockenen Sommer sind die Speicherseen nur ein Pfeiler der Stromversorgung.»
Jöckel von der Elcom relativiert: «Selbst in einem extrem trockenen Sommer, der es trotz Bewirtschaftungsanpassung nicht erlaubt, die Speicherseen komplett zu füllen, sind die Speicherseen nur ein Pfeiler der Stromversorgung. Entsprechend wäre es verkraftbar, wenn diese nicht ganz gefüllt wären.»
Die Stromversorgung hängt nicht ausschliesslich von den Speicherseen ab. Trotzdem machen sich die veränderten klimatischen Bedingungen zunehmend bei der Wasserkraft bemerkbar, die als Rückgrat der Schweizer Stromversorgung gilt.
Wenn du an die Schweizer Berge und Seen denkst, was kommt dir da zuerst in den Sinn?
Majestätische Natur und unberührte Landschaften.
Wasserkraft und unsere Stromversorgung.
Tourismus, Wandern und Ferien.
Schmelzende Gletscher und der Klimawandel.
Ein Ort der Ruhe und Erholung.
Ich denke eigentlich selten an die Berge und Seen.

Daniel Graf (dgr) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Leiter des Ressorts New und seit September 2023 Mitglied der Redaktionsleitung.