Baumsterben: Der schleichende Tod in den Baumkronen – Misteln bedrohen Obstbäume im Kreis Merzig-Wadern
Sie kommen ungefragt, bedienen sich am Wasser ihrer Gastgeber und werden immer mehr: Misteln setzen den Obstbäumen im Landkreis Merzig-Wadern gehörig zu. Warum die grünen Halbschmarotzer zur Gefahr für ganze Streuobstwiesen werden – und weshalb vielerorts niemand eingreift.
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Baumsterben Der schleichende Tod in den Baumkronen – Misteln bedrohen Obstbäume im Kreis Merzig-Wadern
Merzig-Wadern · Sie kommen ungefragt, bedienen sich am Wasser ihrer Gastgeber und werden immer mehr: Misteln setzen den Obstbäumen im Landkreis Merzig-Wadern gehörig zu. Warum die grünen Halbschmarotzer zur Gefahr für ganze Streuobstwiesen werden – und weshalb vielerorts niemand eingreift.
17.10.2026 , 08:00 Uhr
Ein trauriges Beispiel für die Mistelplage: Dieser alte Apfelbaum an der Straße zwischen Merzig und Brotdorf ist stark von Misteln befallen.
Foto: Alina Leidisch
Wer anderen das Wasser abgräbt, macht sich normalerweise keine Freunde. Bei der Mistel ist das offenbar anders. Die grünen Kugeln, die sich in den Kronen unserer Obstbäume breitmachen, gelten bei vielen noch immer als hübscher Naturschmuck. Dabei haben sie es faustdick hinter den Blättern. Sie leben auf Kosten ihrer Gastgeber. Und die haben zunehmend das Nachsehen.
„Das ist in den letzten Jahren zu einer echten Plage geworden“
„Was für Laien vielleicht ganz nett aussieht, ist für unsere Obstbäume ein echtes Drama“, sagt Devid Hero, zweiter Vorsitzender des Kreisverbandes der Obst- und Gartenbauvereine Merzig-Wadern. Der Fachmann beobachtet seit Jahren, wie sich die Misteln auf den Streuobstwiesen im Landkreis ausbreiten. Wo früher vielleicht zwei oder drei Bäume betroffen waren, hängt heute mitunter die halbe Wiese voller grüner Kugeln. „Das hat sich stellenweise fast schon explosionsartig ausgebreitet und ist in den letzten Jahren zu einer echten Plage geworden.“
Ein Blick in die Landschaft genügt. Besonders auf Streuobstwiesen, die seit Jahren kaum noch gepflegt werden, haben die Misteln leichtes Spiel. Rund um Scheiden und die Nachbarorte seien die Schäden inzwischen an vielen Stellen sichtbar. Aber auch anderswo im Landkreis sieht Hero das Problem wachsen. Selbst große Pappeln und Robinien bleiben von den ungebetenen Gästen nicht verschont.
Ein ziemlich durstiger Gast
Dabei ist die Mistel botanisch betrachtet ein sogenannter Halbschmarotzer. Sie betreibt mit ihren grünen Blättern zwar selbst Fotosynthese, beim Wasser und den Mineralstoffen bedient sie sich aber beim Wirtsbaum. Mit speziellen Saugorganen dringt sie in dessen Holz ein und zapft die Leitungsbahnen an. Kost und Logis gibt es also frei Haus.
Für den Obstbaum kann das teuer werden. Besonders dann, wenn die Sommer heiß und trocken sind. Während er seine Wasserverdunstung bei großer Hitze bereits einschränkt, verbraucht die Mistel munter weiter Wasser. Die Äste werden schwächer, tragen weniger Laub und Früchte und können schließlich absterben. Bei einer einzelnen Mistel muss das noch kein Drama sein. Hängen aber zehn oder zwanzig davon in der Krone, wird es kritisch.
Diese Baumarten sind besonders häufig vom Mistelbefall betroffen
Wie das enden kann, zeigt nach Heros Einschätzung ein alter Apfelbaum an der Straße zwischen Merzig und Brotdorf. Jahrelang konnte man beobachten, wie die Misteln in seiner Krone immer größer wurden. „Der diesjährige Sommer gab ihm dann den Rest“, sagt Hero. Der Baum ist für ihn längst kein Einzelfall mehr. Auf ungepflegten Grundstücken stünden bereits zahlreiche abgestorbene Apfelbäume, wobei neben den Misteln häufig auch Trockenheit, Alter und mangelnde Pflege eine Rolle spielen.
Besonders gerne suchen sich Misteln Apfelbäume als Gastgeber aus. Aber auch Birnbäume seien zunehmend betroffen, sagt Hero. Kirschen und Zwetschgen bleiben dagegen meistens verschont. Und während früher vor allem alte Obstbäume die grünen Kugeln trugen, erwischt es inzwischen auch jüngere Exemplare.
Wie sich die Misteln verbreiten
Dass sich die Misteln so stark vermehren, hat mehrere Gründe. Einer davon flattert durch die Luft: Misteldrosseln, Stare und andere Vögel fressen die weißen Beeren undscheiden deren klebrige Samen mit dem Kot wieder aus. Andere streifen die Samen gleich mit dem Schnabel an den Ästen ab. Bleiben sie dort haften, kann eine neue Mistel wachsen. Der Nachwuchs ist also gesichert. Ganz ohne Zutun des Grundstücksbesitzers.
Der könnte allerdings einiges dagegen unternehmen. Nur wird vielerorts kaum noch zur Säge gegriffen. Früher wurden Streuobstwiesen regelmäßig bewirtschaftet und Obstbäume geschnitten. Heute bleiben manche Grundstücke jahrelang sich selbst überlassen, beobachtet Hero. Hinzu kommen heiße, trockene Sommer, die den Bäumen zusetzen. Eine Kombination, die den Misteln in die Karten spielt.
Ein Irrtum mit Folgen
Warum die Eigentümer nicht häufiger eingreifen? „Oft ist es gar keine böse Absicht, sondern schlicht Unwissenheit“, vermutet Hero. Viele glaubten noch immer, Misteln stünden grundsätzlich unter Naturschutz und dürften nicht entfernt werden. Das stimmt so nicht. Ihre Entfernung ist grundsätzlich erlaubt, sofern die geltenden Naturschutzvorschriften eingehalten werden.
Dazu kommt, dass die Pflege alter Obstbäume alles andere als ein Spaziergang ist. Wer in mehreren Metern Höhe mit einer Säge hantiert, braucht Kraft, Erfahrung und das richtige Werkzeug. Gerade ältere Grundstücksbesitzer seien damit häufig überfordert. Und einfach die grünen Kugeln abzuschneiden, reicht nicht. Die Mistel steckt mit ihren Saugorganen tief im Holz und kann erneut austreiben. Deshalb müsse ein befallener Ast häufig 30 bis 50 Zentimeter unterhalb der Ansatzstelle zurückgeschnitten werden, erklärt Hero. Vorausgesetzt, der Baum verträgt den Eingriff.
In einem Schnittkurs wird die richtige Pflege unterrichtet
Für Hero steht daher fest: Wenn nichts geschieht, droht den Streuobstwiesen im Landkreis langfristig ein erheblicher Verlust. Und damit verschwinden nicht nur alte Obstbäume, sondern auch wertvolle Lebensräume für Insekten, Vögel und andere Tiere.
Der Kreisverband und die örtlichen Obst- und Gartenbauvereine setzen deshalb auf Aufklärung und praktische Schnittkurse. Doch damit allein ist es nicht getan. Möglichst viele Eigentümer müssten ihre Bäume wieder regelmäßig pflegen. Denn die Vögel, die die Mistelsamen verbreiten, kennen keine Grundstücksgrenzen. „Es bringt wenig, wenn nur ein einziger Besitzer seine Bäume sauber hält und drumherum alles verwildert.“ (lck)