„Das ist der letzte Versuch“: 125 Jahre altes Gasthaus in Altheim neu verpachtet

Das Anticana in Altheim ist seit Februar Altheims einzige verbliebene Gaststätte – in einem Fachwerkhaus, das seit 1901 in Familienhand ist. Eigentümer Friedel Sauerwein hatte das Lokal fast aufgegeben.

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„Das ist der letzte Versuch“: 125 Jahre altes Gasthaus in Altheim neu verpachtet

Stand: 17.10.2026, 08:00 Uhr

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Altheims letzte Gaststätte steht an der Ecke von Münsterer und Babenhäuser Straße. Das Ensemble existiert seit dem frühen 19. Jahrhundert. Bis ins späte 18. Jahrhundert stand dort ein Pfarrhaus.

Altheims letzte Gaststätte steht an der Ecke von Münsterer und Babenhäuser Straße. Das Ensemble existiert seit dem frühen 19. Jahrhundert. Bis ins späte 18. Jahrhundert stand dort ein Pfarrhaus. © Jens Dörr

Das Anticana in Altheim ist seit Februar Altheims einzige verbliebene Gaststätte – in einem Fachwerkhaus, das seit 1901 in Familienhand ist. Friedel Sauerwein, Vater der Hausbesitzerin, hatte das Lokal fast aufgegeben.

Altheim – Friedel Sauerwein hat 2026 zwei Schicksalsschläge erlebt: Zunächst starb sein Sohn im Alter von nur 65 Jahren; im Sommer endete dann das Leben seiner Frau Erika, die 87 wurde. Zwei Töchter hat der 89-Jährige noch, und eine ist Eigentümerin jenes Fachwerkhauses in der Babenhäuser Straße 2, in der sich Altheims letzte Gaststätte befindet.

„Für mich war das Haus ein Hobby“: Friedel Sauerwein, der die Fachwerk-Immobilie in der Babenhäuser Straße 2 in Altheim seiner Tochter Gerda Hamm überschrieben hat, ist stolz auf 125 Jahre in Familienhand. Balkar Singh (rechts) betreibt dort zusammen mit Caan „Cani“ Menekse seit Februar das „Anticana“.

„Für mich war das Haus ein Hobby“: Friedel Sauerwein ist stolz auf 125 Jahre in Familienhand. Balkar Singh (rechts) betreibt dort mit Caan Menekse seit Februar das „Anticana“. © Jens Dörr

Hochzufrieden mit den Betreibern

Die Immobilie hat Gerda Hamm an Can „Cani“ Menekse und Balkar Singh verpachtet, die dort seit Februar das „Anticana“ betreiben. Dass das Restaurant mit mehreren Räumen und Biergarten so gut läuft und die beiden Pächter den Charme des geschichtsträchtigen Objekts bewahrt haben, zählt für Friedel Sauerwein zu den schönen Dingen, die ihm dieses Jahr widerfahren sind. Denn an dem Haus, das er seiner Tochter vor wenigen Jahren überschrieben hat, hängt er immens. Stolz erzählt er deshalb nicht nur von der jüngeren Vergangenheit, sondern der 125-jährigen Ära in Familienhand.

„Das Haus ist seit 1901 in unserem Besitz“, sagt Friedel Sauerwein, den in Altheim und Münster viele noch von seinem früheren kommunalpolitischen Engagement kennen. 33 Jahre lang saß Sauerwein für die SPD in der Gemeindevertretung und im Gemeindevorstand. Zum Interview nimmt er Platz im malerischen Hof des Anwesens, dessen Nachbar er ist und das über Dekaden ebenfalls viel Freizeit einnahm: „Für meine Frau war es das Elternhaus, für mich war es ein Hobby!“

Aus dem bis in die 1970er-Jahre eigenständigen Ortsteil ist das Fachwerkhaus an der Ecke von Münsterer und Babenhäuser Straße noch viel länger nicht wegzudenken: Das Schmuckstück stammt ursprünglich aus dem frühen 19. Jahrhundert. Zuvor stand dort ein Pfarrhaus. Ins Eigentum der Familie Sauerwein ging es samt Nebengebäuden zu Beginn des 20. Jahrhunderts über: Friedrich Michael Funck, der Großvater von Erika Sauerwein, erstand es für damals 23.000 Mark. Eigentlich wollte der gelernte Bäcker dort eine Backstube mit Verkauf errichten. Stattdessen wurde eine Gaststätte daraus.

„Ballsaal der Träume“ heißt einer der Räume im „Anticana“. Er befindet sich im Obergeschoss und ist auf dem Foto für eine Trauergesellschaft eingedeckt.

„Ballsaal der Träume“ heißt einer der Räume im „Anticana“. Er befindet sich im Obergeschoss und ist auf dem Foto für eine Trauergesellschaft eingedeckt. © Jens Dörr

Die betrieb die Familie mehr als ein halbes Jahrhundert lang selbst. Seit 1963 ist sie an wechselnde Betreiber verpachtet. „Die schönste Phase waren die 18 Jahre unter Anna und Pino“, blickt Friedel Sauerwein zurück. „Die hatten ein Bombengeschäft!“ In dieser Phase, Ende der 1970er bis Mitte der 1990er, legte die Familie auch den Biergarten an. Der erweist sich bis heute als wichtiger Faktor: Balkar Singh berichtet, das Anticana sei schon im ersten Jahr zum Magnet für Ausflügler nicht nur aus Münster und Altheim, sondern der ganzen Umgebung geworden: Unter anderem aus Dieburg, Hergershausen und Harpertshausen hätten in den warmen Monaten viele Radfahrer einen Abstecher zu ihnen gemacht. Für E-Bikes wie unmotorisierte Räder haben die Eigentümerin und die Betreiber jüngst eine neue Stellfläche im Hof geschaffen. „Mir ist sehr daran gelegen, dass der Bürgersteig vor dem Haus von Fahrrädern frei bleibt“, betont Friedel Sauerwein.

Der „gefühlte“ Hausherr, der regelmäßig als Gast im Lokal is(s)t, freut sich auch grundsätzlich darüber, wie sich das Anticana etabliert hat. „Wir wollten es schon gar nicht mehr vermieten“, spricht er für sich und seine Tochter in Anspielung auf vorherige, weniger erfreuliche Verpachtungen. „Wir haben deshalb gesagt: Das ist der letzte Versuch!“ Derzeit sieht es danach aus, dass sich der (Lang)Mut der Familie gelohnt hat – und eins der markantesten Altheimer Gebäude in der gastronomischen Nutzung bleibt.